Martin Sellner hat am 30.12 auf dem Blog der Sezession unter dem Titel „Sündenbock und Kantenschere“ (http://sezession.de/56928/) einen politischen Distanzierungsversuch vorgelegt, der in den Konsequenzen richtig, in der Begründung aber noch klärungsbedürftig ist.

Ohne Zweifel richtig ist, daß wir uns vom extremistischen Narrensaum distanzieren müssen, weil er uns als eine lästige Kugelfessel Wirkungsradius nimmt und uns daran hindert, ins Zentrum der Macht vorzustoßen. Falsch jedoch ist die Vorstellung, es handele sich dabei um eine Art Preis der Macht, eine Eintrittskarte, ein Opfer, das das System von uns fordert. Das System der Altparteienherrschaft fordert gar nichts von uns. Es verteidigt seine Macht.

Halb mythologisierend, halb psychologisierend meint Sellner, daß die demnächst noch ins patriotische Lager überlaufenden Opportunisten als Rechtfertigung ihrer späten Umkehr einen Sündenbock bräuchten: Radikale Elemente, die dem Opportunisten eine Möglichkeit bieten, zu erklären, weshalb er trotz der eindeutigen Verhältnisse so lange nicht übergelaufen ist. Er konnte doch erst die Seiten wechseln, nachdem das patriotische Lager die Radikalinskis in einem Selbstreinigungsprozeß ausgeschieden hatte. So ähnlich war das mit den Grünen und Alt68ern und so ähnlich wird das nun anders herum auch verlaufen.

Um den Seitenwechsel der Opportunisten und damit die Wende, die wir alle wollen, zu erleichtern, sollten wir deshalb, so Sellner, in Gottes Namen endlich das Opfer bringen und den Sündenbock in Gestalt der politikunfähigen Radikalinskis austreiben. So erreichen wir, daß der Wind sich richtig dreht und gewinnen Zugang zu jenen Zonen, in denen wir tatsächlich etwas verändern können. Wenn wir selbst diejenigen zum Südenbock erklären, die ohnehin zu nichts zu gebrauchen sind – Sellner spricht von Antisemiten und Rassisten -, behalten wir das Heft in der Hand und das Stück Definitionsmacht, das wir brauchen, um das, worauf es wirklich ankommt, durchzusetzen: „eine gesellschaftliche Abwendung von Ethnomasochismus, linkem Universalismus, Internationalismus und Egalitarismus.“

Das Publikum hat darauf bislang mit über 170 Wortmeldungen reagiert. Wie ein Leitmotiv aber zieht sich ein gewisses Unbehagen selbst durch die eher wohlwollenden und anerkennenden Kommentare. Verfahren wir, wenn wir uns von diversen Reichsbürger-Grüppchen, von „Thügida/Wir lieben Sachsen“, von der NPD etc. distanzieren nicht so wie die Systemlinge uns gegenüber? Was also unterscheidet uns noch von den Systemlingen? Daß wir uns nur auf höherer Stufe distanzieren? Unterscheidet uns dann überhaupt noch etwas von ihnen? Zeigen wir schon die ersten Symptome der Distanziereritis? Sind nicht auch wir schon infiziert? Teil des Systems und merken es nicht? Andererseits: Ist eine solchermaßen skrupulöse Selbstbefragung nicht auch wiederum Ausdruck einer ideologischen Verblendung? Weshalb nicht ganz ungeniert all jene von uns weisen, die möglicherweise mit uns ein Bündnis wollen, mit denen wir aber kein Bündnis wollen, weil wir ihre Vorstellungen nicht teilen und nicht auf faule Kompromisse angewiesen sind?

Das Unbehagen und die Selbstzweifel sind falsch! Es kommt nicht darauf an, die Kantenschere als Diskursform zu überwinden, sondern darauf, sie an der richtigen Stelle anzusetzen. Sellner spricht es klar aus: „Es geht darum, daß die Kantenschere zwischen der Alten und der Neuen Rechten und nicht zwischen Opportunisten und Idealisten verläuft.“ Das ist die Quintessenz der gesamten Debatte. Am Aufsatz von Sellner scheiden sich die Geister in diejenigen, die das verstehen, und diejenigen, die es nicht verstehen können oder nicht verstehen wollen.

Wo der richtigen Ansatzpunkt für die Kantenschere liegt, sagt uns die aktuelle Lage. Die richtige Stelle ist jene Stelle, die unserer Sache unter den gegenwärtigen Bedingungen maximalen politischen Erfolg verspricht. Unsere Sache ist die Sache des deutschen Volkes. Maximal heißt gewiß nicht: Erfolg bis hin zur Verletzung der großen Ordnung und womöglich darüber hinaus. Maximaler Erfolg heißt: maximalen Schutz für die große Ordnung, maximalen Nutzen für das deutsche Volk. Konket gesprochen: Soviel Remigration wie möglich, soviel kulturelle Selbstbehauptung wie möglich, soviel nationale Souveränität wie möglich. Der Möglichkeitsrahmen ist die Ordnung unseres Rechts, die uns, wenn nur der politische Wille bestünde, so viele Instrumentarien für einen Richtungswechsel böte, daß niemand ihre Aufhebung fordern müßte.

Konkret gesprochen: Es ist schädlich, ein Koranverbot und Moscheeschließungen zu fordern, wenn das Maximum, das wir angesichts der Macht- und Rechtsverhältnisse erreichen können, ein Minarettverbot, ein Schleierverbot im öffentlichen Dienst und der politische Bruch mit den Islamverbänden ist. Dann ist es besser, kein Koranverbot und keine Moscheeschließungen zu fordern, sondern sich mit den Verbündeten, die man dann gewinnt, für ein Minarettverbot, ein Schleierverbot im öffentlichen Dienst und den politischen Bruch mit den Islamverbänden einzusetzen. Und damit wäre schon so viel erreicht, daß wir rundum zufrieden sein könnten: Die vollständige Entmachtung der Islamlobby und die Wiederherstellung deutscher Kulturhoheit. Was wollen wir mehr?

Wir sollten auch gar kein Koranverbot und keine Moscheeschließungen wollen, weil wir damit tatsächlich die Glaubensfreiheit negieren und dem Klischee, das sich der Feind von uns macht, entsprechen würden. Wir würden einen wesentlichen Teil unserer Kultur verleugnen, und das wiederum wäre doch nur eine andere Gestalt der Selbstaufgabe. Wir wollen das Maximum an nationalem Interesse befriedigen, das möglich ist, ohne die Grundfesten unserer Ordnung zu erschüttern, d.h. ohne uns selbst aufzugeben.

Die Distanzierung von den Extremisten mag den Opportunisten ein psychologisches Entlastungsmoment schaffen, für uns aber ist sie kein Opfer. Hier irrt Sellner ein wenig. Wir verzichten auf nichts, wir geben nichts preis und wir nehmen uns nicht zurück, im Gegenteil. Wir kündigen nur eine schon an sich falsche, weil künstliche und schädliche Einheit auf – etwas, was wir ohnehin und ohne strategische Überlegungen im Hintergrund tun sollten.

Wer als kleinsten gemeinsamen Nenner nur den gemeinsamen Feind hat, der ist nicht mehr als das Abbild dieses gemeinsamen Feindes. Das hieße sich ausliefern, bevor der Kampf begonnen hat. Wir dürfen dem Feind keine Definitionsmacht über uns geben. Wir dürfen uns von ihm nicht in eine als falsch erkannte Einheit zwingen lassen. Der Feind meines Feindes muß nicht mein Freund sein! Distanzieren wir uns vor allen Dingen von diesen billigen Argumenten!

Sich abzugrenzen, ist Ausdruck einer Standortbestimmung. Wir Rechte wissen um die Lebensnotwendigkeit der Grenzen. Wir wenden uns auf allen politischen Feldern gegen die liberalen Entgrenzungsideologien, nur wenn es um uns selbst geht, dann sollen wir unterschiedslos alles in uns aufnehmen, was das System als Feind markiert hat. Das ist kein eigener Standpunkt, das ist nur eine andere Art, den Systemtrottel zu spielen. Wir machen uns selbst zum Spucknapf des Establishments, zur Polithure, die ohne Unterschied jeden ran- und reinläßt, der von den Altparteien abgewiesen wird.

Wahre Freiheit und Selbstbestimmung liegen nicht darin, zu allem, was der Feind tut, mechanisch die Antithese zu setzen, und sich so zu seiner perfekten Marionette zu machen. Wahre Freiheit und Selbstbestimmung liegen darin, eine kritische Distanz zum Feind zu halten. Kritische Distanz heißt: Es ist nicht alles schlecht, was der Feind treibt, doch was schlecht ist und was nicht, beurteilen wir nach unseren eigenen Maßstäben.

Wenn wir uns gegen das System wenden und damit die Entartung von Freiheit und Demokratie im linksliberalen Altparteienkartell meinen, lassen wir uns nicht unterschieben, wir meinten damit in Wahrheit die Freiheit und die Demokratie an sich, die wir insgeheim abschaffen wollten. Wir lassen es uns nicht von den Denunzianten im System unterschieben und wir lassen es uns erst recht nicht von den falschen Freunden unterschieben, die sich auf unsere Seite stellen und etwas in dieser Art tatsächlich wollen.

Sellners Plädoyer hat diese Komplizenschaft von linksliberalen Systemlingen und Naziclowns bei ansonsten messerscharfer Reflexion nicht in der notwendigen Klarheit erkannt. Das System will in Wahrheit von uns keine Distanzierung. Der psychologische Entlastungseffekt für die Opportunisten mag bestehen, ist aber ein vernachlässigbarer Nebenfaktor. Das System weiß sehr wohl, was notwendig ist, sich selbst zu erhalten. Das System verlangt von uns zwar eine Distanzierung, aber will in Wahrheit, daß wir sie nicht erbringen, um uns eben deshalb nur umso besser von den Schaltstellen der Macht fernhalten zu können. Deshalb werden die Gesten der Distanzierung nicht anerkannt und belohnt, sondern bestenfalls beantwortet, indem man uns Mimikry unterstellt. Es kann nicht oft genug gesagt werden: Das System will nicht, daß wir uns distanzieren, weil wir dann nicht mehr dem Bild entsprechen, das es sich von uns gemacht hat.

Es gibt eben deshalb keine bessere Methode, das System anzugreifen, als sich in aller Selbstverständlichkeit vom extremistischen Narrensaum zu distanzieren. Denn diesen Narrensaum hat im Jahre 2017 in der BRD keine andere Funktion als, uns klein zu halten. Wenn wir ihn abschneiden, bringen wir nicht im geringsten ein Opfer; wir sprengen die Fesseln. Alles kommt also darauf an, die sog. „Reichsbürger“, „Thügida/Wir lieben Sachen“, so manche Kameradschaft und, was sonst noch an untauglichen Formierungen am rechten Narrensaum kreucht und fleucht, als das andere Gesicht der linksliberalen Establishments zu erkennen: als die Karikatur, die sie von uns zeichnen und die mehr über sie sagt als über uns.

In diesem Sinne bedeutet Distanzierung immer Äquidistanz zu extremistischen Irrgängern wie auch zum linksliberalen Establishment. Eine solche Distanzierung nach beiden Richtungen hat nicht das Geringste mit „Distanziereritis“ zu tun – es ist die überlegte Markierung des eigenen Standpunkts nach beiden Seiten, kein Opfer und nichts, wofür man sich auch nur ansatzweise rechtfertigen müßte.

Distanziereritis – die panische Flucht – kennt immer nur eine Richtung und tritt deshalb in zwei Gestalten auf. Es ist Distanziereritis, wenn das Establishment sich von allem distanziert, was „rechts“ ist, und es ist genauso Distanziereritis, wenn sich der extremistische Narrensaum von allem distanziert, was „System“ ist. Wenn wir aber unseren eigenen Standpunkt finden wollen, halten wir uns in gleichem Abstand von beiden Gestalten des Feindes. Dazu sind wir – und da hat Sellner wieder recht – aus eigener Stärke in der Lage. Alles, was wir brauchen, ist Vertrauen in diese Stärke, die uns von falschen Bündnispartnern unabhängig macht.

Hans-Thomas Tillschneider