Auf der arabischen BBC-Seite wurde 2008 ein Artikel über eine ägyptische Studie zum Thema sexueller Belästigung veröffentlicht, der durch die Ereignisse in Köln traurige Aktualität gewonnen hat:

http://news.bbc.co.uk/hi/arabic/middle_east_news/newsid_7512000/7512184.stm

Die Studie, auf die sich der Artikel bezieht, weist nach, daß auch in Ägypten sexuelle Belästigungen von Frauen an der Tagesordnung sind: Die Mehrheit der befragten Männer gibt an, schon einmal sexuell belästigt zu haben, und fast alle befragten Frauen geben an, schon einmal belästigt worden zu sein. Die Studie beschreibt nichts anderes als die Realität, die ich während meiner Aufenthalte in der arabischen Welt erleben konnte.

Der Befund steht außer Frage, um die Deutung allerdings wird gerungen. Am abwegigsten ist die feministische Instrumentalisierung. Da dieses Problem ganz offensichtlich nicht nur in der westlichen, sondern auch in der islamischen Welt auftritt, sehen sich Feministinnen in ihrer Annahme bestätigt, es handele sich um kein kulturelles Problem, sondern um ein Männerproblem. Wer so argumentiert vergißt allerdings, daß es dieses Phänomen einer kollektiven und öffentlichen sexuellen Belästigung von Frauen vor 30 Jahren so weder in Ägypten noch in Deutschland gab, obwohl es auch damals schon Männer gab. Auch wenn man also das Testosteron verantwortlich macht, müßte man erklären, weshalb es ausgerechnet heute zu öffentlichen Ausbrüchen sexueller Gewalt führt?

Nicht besser als die feministische Erklärung ist in meinen Augen die genetische Erklärung, die aus dem Umstand, daß auch in Köln die Täter vorwiegend Männer aus dem arabischen Raum stammen, schließt, daß solches Verhalten ein Spezifikum arabischer Männer ist. Auch dagegen spricht, daß es diese Veranlagung schon vor 30 Jahren gegeben haben müßte, sie sich damals aber seltsamerweise nicht ausgewirkt hat. Ganz abgesehen davon ist menschliches Verhalten nicht genetisch, sondern kulturell konditioniert, was aber keine Entschuldigung ist, da wir als Vernunftwesen auch gegen unsere kulturelle Konditionierung handeln können.

Die Erklärung ist, denke ich, eine andere. Der Artikel macht wirtschaftliche Probleme und eine fehlende Verwurzelung in islamischen Werten namhaft. Das könnte 2008 eine verdeckte Kritik an Mubaraks säkularer Regierung gewesen sein, etwas Wahrheit dürfte aber die Erklärung schon enthalten. Innerhalb einer streng arabisch-islamischen Gesellschaft wäre ein solches Verhalten, wie wir es in Köln erlebt haben und wie es sogar in Ägypten anzutreffen ist, kaum möglich. Man mag das für gut oder schlecht halten, die strenge Reglementierung des Geschlechterverhältnisses ist jedenfalls die Antwort dieser Kultur auf die menschliche Grundfrage, welche soziale Form dem Verhältnis der Geschlechter zu geben sei.

Diese arabisch-islamische Gesellschaft aber existiert kaum noch irgendwo in ihr ursprünglichen Form. Ägypten galt schon 1999, als ich vor der Entscheidung stand, ob ich mein Auslandsstudienjahr in Kairo oder Damaskus verbringen sollte, als relativ verwestlicht, bedingt durch das politische Bündnis mit den USA. Ich entschied mich deshalb für Damaskus, das noch mehr von seinem ursprünglichen Charakter bewahrt hatte.

Das Problem in Ägypten scheint mir so weniger eine „schwache Verwurzelung in islamischen Werten“, wie die Studie sagt, sondern eher eine partiell recht weit fortgeschrittene Verwestlichung eines Teils der Gesellschaft, auf die der andere Teil mit einem salafistisch überdrehten Islam antwortet. Über das Internet ist die westliche Welt und die westliche Liberalität im Umgang der Geschlechter auch in den Vororten von Kairo virtuell präsent. Diese virtuelle Präsenz weckt Wünsche und Orientierungen, die auf eine ganz andere, ihr fremd und feindlich gegenüberstehende soziale Realität treffen. Und genau das scheint das Problem.

Dafür spricht übrigens auch, daß die öffentliche sexuelle Belästigung in Ägypten über den Putsch der Muslimbrüder 2011 und die Wiederherstellung einer säkularen Herrschaft 2013 hinweg kontinuierlich zugenommen haben. Die Situation wird seit Jahren immer problematischer:

http://www.dw.com/de/sexuelle-bel%C3%A4stigung-der-t%C3%A4gliche-spie%C3%9Frutenlauf-der-%C3%A4gypterinnen/a-17688931

Die beste Erklärung für die überhand nehmende sexuelle Belästigung ist so eine Art sozialer Irritation durch das Aufeinandertreffen einander fremder Kulturen und fremder Verhaltensweisen innerhalb derselben Gesellschaft.

Das gleiche gilt für Köln: Islamisch sozialisierte Männer erleben Deutschland und die westliche Welt als einen Freiraum, in dem sie sich unsanktioniert daneben benehmen können. Da hier ihre Regeln nicht gelten, gehen sie davon aus, daß gar keine Regeln gelten. Das Verbot von außerehelichem Sex ist außer Kraft gesetzt, was unter Umständen sogar eine pseudoreligiöse Legitimation erfährt. Auf nicht-islamischem Gebiet, also im heiligen Krieg etwa, sind die Frauen der Ungläubigen dem Krieger freigestellt. Der Grundton solcher Argumentationsmuster ist die Verachtung der westlichen Gesellschaft, die es nicht anders verdiene, als daß man sie ohne Respekt behandelt.

Das Problem ist somit gerade die von den Ideologen der multikulturellen Gesellschaft gepriesene Pluralität, nämlich daß keine Kultur mehr als verbindlich gilt und verschiedensten kulturelle Codes zunehmend beliebig durcheinander gehen. Das unvermittelte Aufeinandertreffen von grundverschiedenen Kulturen verursacht soziale Spannungen, und zwar sowohl in Kairo als auch in Köln.

Hans-Thomas Tillschneider

Nachtrag: Damit sich jeder selbst ein Bild machen kann, habe ich den kurzen Artikel über die Studie übersetzt:

„Studie: Sexuelle Belästigung in Ägypten nimmt zu!

Statistiken zeigen, daß mehr als zwei Drittel der Männer in Ägypten angeben, Frauen sexuell zu belästigen. Die Mehrheit von ihnen macht dafür die Frauen verantwortlich.

Dies hat eine Studie ergeben, die das ägyptische Zentrum für Frauenrechte unter dem Titel ‚Wolken an Ägyptens Himmel‘ durchgeführt hat. Die Studie stützt sich auf eine Stichprobe von 2000 ägyptischen Männern und Frauen und 109 ausländischen Frauen.

In der Studie, die das Institut am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Kairo der Öffentlichkeit vorgestellt hatte, wird behauptet, daß die große Mehrheit der Ägypter meinen, Fälle von sexueller Belästigung würden aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage und fehlender Verwurzelung in religiösen Werten zunehmen.

Diese Studie ist die zweite, die das Institut veröffentlicht. Sie gilt als Abschluß des dritten Teils der Kampagne ‚Eine sichere Straße für alle!‘, die das Institut seit 2005 betreibt, wie der Homepage des Instituts zu entnehmen ist.

Der Anteil der Männer, die zugeben, Frauen schon einmal sexuell belästigt zu haben, beträgt 62%, während der Anteil der Frauen, die angeben, sexuellen Belästigungen ausgesetzt zu sein, 82% beträgt. Die Hälfte von ihnen gibt an, daß ihnen dies täglich widerfährt.

Die sexuelle Belästigung in Ägypten, das Millionen von Touristen anzieht, nimmt im allgemeinen folgende Formen an: Das Berühen der Frauen, Ansprechen mit anzüglichen Ausdrücken und das Entblößen der Geschlechtsteile vor den Frauen.

Dieses Verhalten kommt in Ägypten gelegentlich auf offener Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln, außerdem in Touristenzonen oder ausländischen Forschungsinstituten vor.

Möglichweise hat dieses Verhalten verhängnisvolle Konsequenzen für den Tourismus in Ägypten, der eine Haupteinnahmequelle des Landes darstellt.

Der Anteil der Frauen, die bei der Polizei Anzeige erstatten, beträgt nicht mehr als 2,4% weil sie, so die Studie, das für zwecklos halten oder eine Schädigung ihres eigenen Rufes fürchten.

53% der Männer kritisieren die Frauen dafür, daß sie dieses Verhalten selbst hervorrufen und sich daran erfreuen oder dafür, daß sie schamlose Kleidung tragen. Einige Frauen stimmen darin mit den Männern überein. Diese denken auch, daß Frauen nach acht Uhr abends zuhause bleiben sollte.

Die Studie hat herausgefunden, daß die meisten von den Frauen, die angeben, sexuell belästigt worden zu sein, angeben, sich dezent zu kleiden. Die Mehrheit von ihnen kleidt sich islamisch ( = tragen Schleier).“