Vom Mut zu vertrauen und das Gemeinsame zu suchen und finden zu wollen

Menschennatur ist wohl mehr das Misstrauen, die Angst, mit seinen eigenen Ansichten und Positionen zu kurz zu kommen. Stalin warnte: Bleibt wachsam, Genossen, der Klassenfeind lauert überall. (Und in einem sowjetischen Film über die Stalinzeit, als mit Gorbatschow der Mut einkehrte, Dinge zu beschreiben, wie sie sind oder waren, waren Lautsprecherwagen zu sehen, aus denen es in den 30er Jahren schallte: „Erhöht die Wachsamkeit, Bolschewiken! Von Dreien, die sich als Kommunisten tarnen, sind mindestens vier feindliche Agenten!“)

Heute wird, bevor überhaupt irgendetwas erwiesen ist, Frau Zschäpe als „Terrorbraut“ und „Nazihexe“ tituliert, schreiend in den großen Lettern der BILD-Zeitung; aber auch in seriös sein wollenden Medien wird ihre Schuld in kleineren Buchstaben als selbstverständlich vorausgesetzt. (Das ist eine Koalition zwischen der BILD und linken Medien, die noch vor ein paar Jahrzehnten völlig undenkbar gewesen wäre.) Die Unschuldsvermutung gilt nicht mehr für alle gleich in Deutschland. Das angeblich Böse wird abgespaltet und entsorgt. Wer eine starke Lobby hat, dem passiert das weniger, im Einzelfall vielleicht aber auch, wenn z.B. eine verschleierte Frau bewusst hinter ihrem Mann hergeht und gar keine „Gleichberechtigung“ beanspruchen will, weil sie gern von einem nicht nur körperlich, sondern auch mental stärkeren Mann beschützt werden möchte, dem sie vertrauen kann und dem sie sich deswegen auch gern unterordnet. Dann ist sie emanzipiert, nämlich mit sich selbst, mit ihrem eigenen Denken und Fühlen, wenn sie das tut, anstatt wie die Masse der anderen dem ideologischen Trommelfeuer des Staatsbürgerkundeunterrichts von heute zu erliegen. (Das gilt natürlich auch umgekehrt: Ein Mann, der den inneren Herzenswunsch haben sollte, der Frau, die er liebt, zu gehorchen, hat sich erst dann persönlich emanzipiert, wenn er mutig genug geworden ist, das vor der Familie und aller Welt auch zu tun.) Statt solcher persönlicher Wahrheiten gilt heute bei uns immer mehr nur noch das genormte Richtige – zur „DIN“, der Deutschen Industrienorm, ist inzwischen also auch noch die „DPN“ (Deutsche Politische Norm) hinzugekommen. Letztere teilt die Menschen auf und ein in Passende, die Guten, und Unpassende, die Bösen.

Kommen wir zu einem dritten, ganz anderen Beispiel dafür: Die Feier zum 25. Jahrestag der friedlichen Revolution in Leipzig. Mindestens 70 000 Demonstranten zogen am 9.10.1989 friedlich um den Leipziger Ring (ca. eine Stunde, ca. 2 Kilometer). Nicht eine einzige Scheibe ging zu Bruch. Die Gemeinschaft dieser Menschen hatte die Kraft, einzelne Wichtigtuer und Provokateure in Schach zu halten. Nicht einmal ein Zehntel dieser Menschen (7000) könnte heute gewaltfrei demonstrieren, selbst wenn es nur – im Vergleich zu damals – um ein so lapidares Anliegen wie die Erhaltung eines Jugendzentrums gehen würde, nicht einmal einem Hundertstel (700) wäre das nach meiner Überzeugung heute möglich. Daran sehe ich, wie nötig heute im „freiesten Deutschland aller Zeiten“ eine gesellschaftliche Einigkeit über die „Hypothese Null“ jeden Protestes ist: „Keine Gewalt!“ Es darf keinen Vorwand geben, kein politisches Mäntelchen, diesen Grundsatz außer Kraft zu setzen, es sei denn, es handelt sich um eine unmittelbare Gefahr für Leib und Leben, die eine direkte Notwehr notwendig macht. Ansonsten muss gelten: Es gibt keine „gute Körperverletzung“, keine „gute Sachbeschädigung“ und auch keine „gute Nötigung oder Blockade“, die glaubt, sich über das Gesetz hinwegsetzen zu können, das für alle gilt.
Auf die Gewaltlosigkeit der friedlichen Revolution im Herbst 1989 können die Leipziger und alle Deutschen noch Jahrhunderte stolz sein. Dass der Marsch Zehntausender um den Ring an diesem hochexplosiven Tag, an dem die politische Spannung förmlich knisterte, friedlich blieb, lag zuerst an den Demonstranten mit ihrem verinnerlichten Leitspruch „Keine Gewalt!“. Es lag an GORBATSCHOW, der sich weigerte, seinen Truppen in der DDR den Befehl zu erteilen, die „Konterrevolution“ zu stürzen, so wie sie das schon einmal im Juni 1953 getan hatten. Es lag aber auch an besonnenen SED-, Armee-, Polizei-, Staatssicherheits- und Kampfgruppenfunktionären, die sich weigerten, die chinesische Lösung zu wählen und den Schießbefehl zu erteilen, obwohl ihre Privilegien auf dem Spiel standen. Drei Funktionäre der SED-Bezirksleitung, unter ihnen ein inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit, gehörten zu „den Sechs“, die am frühen Abend des 9. Oktober 1989 einen Aufruf über den Stadtfunk verbreiteten, in dem sie zur Gewaltlosigkeit aufriefen. Der Kabarettist, BERND-LUTZ LANGE, einer der Sechs, weist ganz richtig darauf hin, dass diese systemnahen Mahner viel mehr riskierten als die systemfernen. Was sie verübten, war in den Augen ihrer Genossen Hochverrat. Trotz dieser großen moralischen Leistung wurden sie nicht zur Jubiläumsfeier im Oktober 2014 eingeladen. Sie gehörten halt nicht zur neuen „Nomentklatura“, die ein Bundespräsident, der sein Volk nicht fortwährend weiter spalten, sondern zusammenhalten sollte, in seiner salbungsvollen Rede feierte. BERND-LUTZ LANGE boykotierte daraufhin diese Feier, was ich ihm hoch anrechne. Wieder hatte das Prinzip der Ausgrenzung und des Misstrauens gewonnen. (Das ist das dritte Beispiel dafür, das ich angekündigt hatte.)

Hätte Gauck nicht aller Deutschen gedenken können und müssen, die zum Gelingen dieser großen Revolution beigetragen hatten? Ich z.B. war im DDR-System „verstrickt“ und trotzdem war ich am 9. Oktober dabei, hauptsächlich aus patriotischen Gründen; ich hoffte ahnungsvoll, dass das der Anfang von einem neuen, ganzen Deutschland werden könnte. Ich war glücklich, mein Herz schlug höher, als – dann später – der Ruf erklang „Wir sind ein Volk“. Aber kaum war die Wiedervereinigung staatlich errungen, fingen die neuen Eliten an, die Deutschen zu spalten und einen Teil von ihnen gegen den anderen auszuspielen.

Alexander Gauland hat in Brandenburg vorgemacht, wie auch Wähler der Linken für die AfD gewonnen werden können. Die westdemokratischen Eliten konnten das natürlich mit ihrer Mentalität innerdeutscher Spaltung und Ausgrenzung nicht verstehen. (Sie hatten ja auch noch „nach Zwölf“, bis in das Jahr 1990 hinein, fest daran geglaubt, dass die deutsche Spaltung ewig bestehen bleibt, die USA und z.B. auch die Türkei waren ihnen inzwischen viel näher als das andere Deutschland, das sie in Wirklichkeit überhaupt nicht interessierte.) Sie haben gehöhnt, dass sich die AfD nun „sogar auch noch“ zum Vertreter des „Unrechtsstaates“ DDR aufschwingen würde. Dass jemand einfach das Gemeinsame, das Verbindende in einem Volk suchen und finden möchte, ist für sie immer noch außerhalb des Denkmöglichen. In Bezug auf Europa und die Welt natürlich ja, da sind sie sogar begeistert dabei, aber doch bloß nicht in Bezug auf die eigene Nation.

Und auch in der AfD selbst gibt es mir viel zu viele Grabenkämpfe, zu viel Misstrauen und die gegenseitige Unterstellung der Bosheit in ihrer reinen Form. Auch wir als Patriotische Plattform sollten zuerst das Gemeinsame suchen und finden wollen und die Sache der Partei insgesamt befördern, bevor wir auf Diskrepanzen und Mängel hinweisen. Nur wenn wir das tun, können wir von Anderen in der AfD Gleiches erwarten.

Ich habe Vorbehalte gegen die deutsche Vorliebe, das Besondere, Extravagante über das Allgemeine, Gewöhnliche zu stellen und das Fremde z.B. höher zu schätzen als das Eigene oder z.B. auch das Homosexuelle mehr als das Heterosexuelle, das für mich die Grund- und Ausgangsform der Sexualität ist, ihre „Leitkultur“ sozusagen, aus dem einfachen Grunde, weil sie die einzige Sexualität ist, die neues Leben schafft und die damit das Leben überhaupt erhält. Aber das, was der Bundessprecher der Homosexuellen der AfD im Internetmagazin „Vice“ am 13. Oktober 2014 gesagt hat, entspricht genau dem, was ich meine: „Die juristische Gleichstellung, das sind nur Kämpfe von gestern. … Das Gemeinsame ist das deutsche Volk. Da gehören Schwule und Moslems und Hindus und Buddhisten und Christen und sogar Heteros dazu. Das ist eine Idee, von der alle anderen Parteien sagen, das ist von gestern, aber das ist die Idee von morgen für uns.“

Für mich ist jeder ein guter Deutscher, der sich ernsthaft und dauerhaft um die deutsche Sprache bemüht und der die deutsche Mentalität und Kultur wertschätzen kann und will, wenn er sie selbst vielleicht auch nicht in jeder Beziehung praktiziert. Es ist für mich jemand, der die Geschichte dieser geschundenen und geschunden habenden Nation verstehen will und der deswegen z.B. Erfurt oder Magdeburg nicht für „ostdeutsche“ Städte hält, so wie ein familiengeschichtsvergessener Sohn, der nur, weil er nun selbst, sagen wir „Oswald“, heißt, verdrängt, dass er einen Bruder hatte, der genauso hieß, und vor einiger, gar nicht allzu langer Zeit mit in der Familie lebte. Aus dem gleichen Grunde einer Pietät gegenüber verloren gegangenen Familienmitgliedern bzw. Landesteilen sagen z.B. die Südtiroler zu ihrem Land immer noch „Südtirol“, obwohl sie und die Österreicher entsprechend der neuen politisch-geographischen Realitäten den Süden des alten Nordtirols so bezeichnen müssten, wenn sie ähnlich brutal über Tote und verloren Gegangenes hinweggehen würden wie die „fortschrittlichen“ oder schlicht unwissenden Deutschen. (Es sind ja bloß die Eigenen, obwohl: So verwirrt wie der Zeitgeist heute ist, dass er z.B. behauptet, zwei Fußballer der deutschen Nationalmannschaft seien polnischer „Abstammung“, könnte er diese Gebiete inzwischen auch für historisch polnische halten. Dann wäre es ja doch ein Skandal, ihre Geschichte einfach neu zu überschreiben und zur Tagesordnung übergegangen zu sein.) „Geschichtliches Wissen führt zum Nachdenken und kann Vorurteile gefährden.“ Das steht sinngemäß am zeitgeschichtlichen Museum in Leipzig. In der Tat, ein dumpfer Globalismus ist nicht alles.

Ein deutsches sprachliches, kulturelles und geschichtliches Bewusstsein, das auch die Verantwortung für die eigenen Fehler, die aus Not und ohne Not begangen wurden, einschließt, wünsche ich mir. Wer es hat, ist mir als Deutscher lieb, völlig egal, welcher Rasse oder welcher Herkunft er ist. Deutschland mit seiner Sprache, Mentalität und Kultur ist eine gute, stabile und wirtschaftlich-technisch ebenso patente wie potente Lebensgrundlage – eine „Lebensausgangsschale“ sozusagen – für alle die, die es lieben und wertschätzen. Weil das so ist, wollen ja auch so viele zu uns. Auch für diese müssen wir uns mit unserem Wesen erhalten. Nur wer das Eigene bewahrt, kann gut freundschaftlich mit dem Eigenen der Anderen umgehen.