Am 04. März jährt sich zum 98. Male ein Ereignis, dessen Auswirkungen die Entwicklung Mitteleuropas bis mindestens zum Ende der 1940er Jahre in einer Weise beeinflusst haben, die kaum überschätzt werden können. Die Zeitspanne, in die dieses Ereignis eingebettet war, betraf die letzten Wochen des 1. Weltkrieges und die Monate danach auf dem Territorium der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie.

Schon vor dem Waffenstillstand zwischen den Siegermächten des 1. Weltkrieges und Österreich-Ungarn am 3. November 1918 begann der Zerfall dieses Vielvölkerstaates in seine multiethnischen Bestandteile, so auch im böhmisch-mährischen Raum, in dem Tschechen und Deutsche den Großteil der Bevölkerung stellten. Nachdem am 21. Oktober 1918 die im Jahre 1911 gewählten Reichsratsabgeordneten aller deutschen Regionen Cisleithaniens in Wien die Provisorische Nationalversammlung für Deutschösterreich bildeten und der Inanspruchnahme aller deutschen Siedlungsgebiete durch die neue Republik Deutschösterreich zustimmten, riefen am 29. Oktober 1918 auf Grund eines einstimmigen Beschlusses die deutschen Abgeordneten Böhmens die Provinz Deutschböhmen als Teil der Republik Deutschösterreich ins Leben. Am Tage darauf erklärte die deutsche vorläufige Landesversammlung der Abgeordneten der „geschlossenen deutschen Siedlungsgebiete Nordmährens und Schlesiens“ unter Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht das „Sudetenland“ zu einer eigenberechtigten Provinz des Staates Deutschösterreich. In den Tagen danach konstituierten sich die Kreise Deutschsüdmähren und Böhmerwaldgau, die sich dem Land Niederösterreich bzw. Oberösterreich anschließen wollten.

Zuvor, am 28. Oktober 1918, hatte der revolutionäre tschechoslowakische Nationalausschuss ein Gesetz zur Errichtung eines selbständigen tschechoslowakischen Staates erlassen, den es in der Geschichte bislang nicht gab. Slowakische und tschechische Exilgruppen einigten sich schon in der Pittsburger Erklärung vom 31. Mai 2018 prinzipiell auf dessen Gründung. Wenig später hatten sich noch Vertreter der Karpatho-Ukraine angeschlossen.

Am 12. November 1918 riefen die deutschsprachigen Abgeordneten des letzten Reichsrates der Monarchie aufgrund eines Beschlusses der provisorischen Nationalversammlung vom Vortag die deutschösterreichische Republik aus. Sie bezeichneten den neuen Staat als demokratische Republik, die Bestandteil der Deutschen Republik sein sollte. Damit wäre das Trauma von 1866 („Deutscher Bruderkrieg“) aufgelöst worden.

Am 22. November erklärten daraufhin die Provinzen Deutsch Böhmen und Sudetenland, sowie die Kreise Böhmerwaldgau und Deutschsüdmähren den Anschluss an Deutschösterreich. Zuvor begannen schon seit dem 13.11.1918 tschechische Truppen die deutschsprachigen Gebiete zu besetzen und sie damit de facto in die Tschechoslowakei einzuverleiben. Obwohl der überwiegende Teil der Deutschen sich auf den 14 Punkte-Plan des amerikanischen Präsidenten Wilson berief, den dieser am 8. Januar 1918 für die Nachkriegsordnung erstellt hatte, und der u. a. das Selbstbestimmungsrecht der Völker beinhaltete, regte sich örtlich Widerstand, den 29 Frauen und Männer damals schon mit dem Leben bezahlen mussten (z. B. wegen des Hissens der rot-weiß-roten deutsch-österreichischen Fahne). Auf dieses Selbstbestimmungsrecht beriefen sich 79 deutsch-böhmische Städte und Gemeinden.

Bei der Wahl zur konstituierenden Nationalversammlung von Deutsch-Österreich am 16.02.1919 in Wien wurde seitens des Tschechoslowakischen Staates die Teilnahme der sudetendeutschen Abgeordneten an diesem Akt verboten. Daraufhin kam es am 04. März, an dem das neue Parlament von Deutschösterreich ohne sudetendeutsche Abgeordnete zusammentrat, in vielen Städten des Sudetenlandes zu Massendemonstrationen und der Generalstreik wurde ausgerufen. Tschechisches Militär eröffnete auf die friedlichen und waffenlosen Demonstranten in Arnau, Aussig, Eger, Kaaden, Karlsbad, Mies und Sternberg das Feuer. 56 Patrioten verloren ihr Leben, 750 wurden verwundet (darunter 112 schwer). Unter den Toten waren auch 3 Kinder.

Die Zugehörigkeit der Sudetengebiete zur Tschechoslowakei wurde nachfolgend jedoch durch den Vertrag von Saint Germain am 10.9.2019 bestätigt und die Bezeichnung Republik Deutschösterreich, wie auch die Zugehörigkeit Deutsch-österreichs zur Deutschen Republik durch den Versailler Vertrag ausgeschlossen. Das Selbstbestimmungsrecht sollte also für Deutsche nicht gelten.

Der weitere Verlauf der Geschichte ist bekannt. Bis zum Anschluss des Sudetenlandes im Oktober 1938 an das Deutsche Reich waren die sudetendeutschen Gebiete Bestandteil der Tschechoslowakischen Republik und deren deutsche Bewohner hatten am laufenden Band Einschränkungen und Schikanen zu erleiden. 1945 und danach wurden sie brutal aus ihrer Heimat vertrieben.

Sind diese Menschen also umsonst gestorben? Nein! In einem entscheidenden Brennpunkt der Geschichte haben sie gezeigt, dass Sie zu ihrer Herkunft, ihrer Kultur und ihrem Vaterland stehen. Sie sollten damit für unsere Generationen Vorbild sein, die bisher leider vielfach patriotische Einstellungen vermissen lassen und lieber dem Zeitgeist, d. h. einer Anpassungs- und Unterwerfungskultur huldigen. In einem Appell, den die Sudetendeutschen Präsident Wilson zukommen ließen, bewiesen sie ihre patriotische Haltung. Dort heißt es u. a.: „Von seiner Scholle, seinen Bräuchen, seiner Art wird keiner der Millionen Deutschen in Böhmen lassen.“

Diese Menschen sind es Wert, dass sie nicht vergessen werden.

Gernot Bergmann