Eine Gewalttat folgt auf die andere in Deutschland. Das sowieso, das ist im Leben nun einmal so. Ich meine eine Tat zwischen Amoklauf und Terror folgt in Deutschland auf die andere. Eins ist für die guten Menschen schon einmal sicher: Das hat mit der nationalen Herkunft der Täter rein gar nichts zu tun, das sei allein eine Frage sozialer Konflikte, nicht ethnischer. (Deswegen haben sie z.B. den iranisch-deutschen Attentäter konsequent „David“ genannt, obwohl er „Ali David“ hieß und von seinem offenbar einzigem Vertrauten, einem 16-jährigen Afghanen, schlicht und einfach nur „Ali“ genannt wurde [BILD vom 25.07.16, S. 5]). Ansonsten ist es schick und in, zu betonen, dass man nicht nicht voreilig urteilen wolle. Das mache den echten Experten aus.

Ich habe eine „einfache“ Lösung. Der DDR-Psychologe und führende deutsche Theoretiker der Kognitionstheorie, Friedhart Klix, hatte in seinem Buch „Erwachendes Denken“ am Beispiel der Relativitätstheorie erläutert (für meine Begriffe auch nachgewiesen), dass die Genialität wissenschaftlichen Denkens darin besteht, ein Problem immer einfacher und übersichtlicher darstellen zu können, so wie das Einstein schließlich mit der kurzen Formel E = mc² gelang.

Ich kann Gewalttaten aller Art auch auf eine kurze Formel bringen: Der Täter blieb außen vor, er konnte nicht zu einer Gemeinschaft gehören, zu der er nur zu gern gehört hätte. Das ist eine tiefe Kränkung, sie kann Krankheitswert erlangen und z.B. in eine Psychose, Angststörung oder Depression umschlagen; sie kann aber auch zu tödlichen Gewalttaten führen, bevor sie zu einer regelrechten psychischen Erkrankung wurde.

Es muss aber eine begehrte Gemeinschaft sein, die sich selbst wichtig nimmt. Zu Schlaffis und Losern will keiner gehören. Ali David hasste, wie es bisher scheint, nicht primär die Deutschen, sondern andere Jugendliche mit Migrationshintergrund, die ihn nicht akzeptierten, sondern mobbten. Folgerichtig haben (fast ?) alle seine Opfer einen Migrationshintergrund.

Wäre die deutsche Gemeinschaft stark gewesen, hätte sie ihn aufnehmen können, hätte er von ihr aufgenommen werden wollen. Wie es mit dieser aussieht, beschreibt am gleichen Tag Tim Raue, einer der weltweit erfolgreichsten Spitzenköche, auch in der BILD (S. 2):

„Ich bin in Berlin-Kreuzberg aufgewachsen. Ich war der einzige Deutsche in einer Jugendgang, die aus Jungs mit Migrationshintergrund bestand. [In vielen Berliner Schulen versuchen sich deutsche Jugendliche einen türkischen Akzent anzutrainieren, damit sie zu einer starken Gemeinschaft gehören können – RH.] Wir haben in der Schule nie die deutsche Nationalhymne gelernt [wahrscheinlich eher die türkische oder US-amerikanische – RH], und eine nationale Identifikation fand zu keiner Zeit statt. Es hat lange gedauert, bis ich mir selber die Frage gestellt habe, warum wir Deutsche nicht zu unserem Land stehen, warum wir so ein massives Identitätsproblem haben. Es war zu Beginn meiner Karriere als Koch. Immer wieder war ich mit dem Stolz der Franzosen auf ihre Küche und ihr Land konfrontiert. Das hat mich dazu bewegt, über meine Identität nachzudenken.“

Also: Wenn wir Entwurzelten helfen wollen, die einer Gewalttat entgegentrudeln, müssen wir ihnen eine starke deutsche Gemeinschaft bieten, die weiß und wissen will, was sie selbst ausmacht, über allgemeine „westliche Werte“ hinaus und darüber, eine USA-Hilfskraft zu sein oder eine Repräsentanz „Europas“. Wir müssen ja nicht gleich so stolz sein wie die Türken, aber ganz ohne Stolz auf das Eigene und ganz ohne Ehre können wir anderen nicht abgeben von unserer Kraft, weil sie dann gar nicht da ist, sondern sich zersplittert und zerteilt hat.

Ralf Hickethier