Unsinn widerspreche ich in aller Regel nicht, weil jede Reaktion Energien bindet und damit nur den Schaden vergrößert, den der Unsinn schon allein dadurch angerichtet hat, daß er in die Welt gesetzt wurde. Es gibt aber gerade im Politischen eine Art von signifikantem Unsinn, der die Verhältnisse klärt, weil er unredliche Motive seines Urhebers zur Kenntlichkeit entstellt und deshalb die Auseinandersetzung lohnt. Eine solche Art Unsinn hat ein gewisser Burkhardt Brinkmann hier verzapft:

http://journalistenwatch.com/cms/guderian-statt-maginot-wider-den-schrebergartenpatriotismus-der-tillschneider-truppe/

Dieser Burkhardt Brinkmann, der mir unter meinen facebook-Freunden schon früh als Lucke-Freund und Pseudo-Patriot à la Dieter Stein aufgefallen ist, schreibt u.a. für Huffington Post (http://www.huffingtonpost.de/burkhardt-brinkmann/), eine dem linksliberalen Establishment der USA zuzurechnende online-Zeitung.

Dazu paßt, daß er es sich wohl als eine Art Verdienst anrechnet, „als Werkstudent in der Frankfurter Societäts-Druckerei die ‚BILD‘ gedruckt“ zu haben, „während draußen die ‚68er‘-Studenten deren Vertrieb zu verhindern suchten.“ Mir sind in diesem Konflikt beide Seiten in etwa gleich unsympathisch, so daß ich es nicht schlecht gefunden hätte, hätten sie sich damals gegenseitig die Köpfe eingeschlagen, aber leider haben sie zu trauter Einigkeit gefunden, in der sie heute unser Land beherrschen.

Wie dem auch sei: Dieser in die Jahre gekommene Springer-Freund durfte nun auf Journalistenwatch meinen ethnopluralistischen, kulturrelativistischen und antiimperialistischen Ansatz – and proud of it! – angreifen.

Seine Kritik geht in etwa so: Die Auseinandersetzung der Kulturen in der Welt folgt dem Gesetz des Stärkeren. Dieses Lebensgesetz sei hinzunehmen und folglich auch, daß die USA imperiale Interessen vertreten. Letzteres erkennt Brinkmann als Ausdruck „intakter Vitalität“, ja gar als Sinn der Weltgeschichte, explizit an. „Das lebensfundamentale Wachstums- und Fortschrittsprinzip“ hat, so Brinkmann unter Berufung auf Oswald Spengler, „im Zuge der Evolution eine Zivilisation ‚ausgesucht‘, einen ‚großen Sprung nach vorn‘ zu machen: Die westliche.“

Der Islam ist auf seine Weise auch vital, aber nach Brinkmann nur auf eine parasitäre Weise, indem er von den technischen Errungenschaften der westlichen Welt profitieren, jedoch nicht ihr Wertesystem übernehmen will. Um gegen diese Bedrohnung gewappnet zu sein, sollten wir uns, so Brinkmanns Ratschlag, an den Westen und seine Führungsmacht, die USA, halten. Die durch den Weltgeist erwählte Nation – God’s own country – weiß nämlich, wo’s langgeht in der Weltgeschichte. Wenn wir uns an ihren Rockzipfel hängen, fahren wir damit noch am besten. Wenn nicht, werden wir vom Islam besiegt.

Die Kulturen und Identitäten dieser Welt werden, so Brinkmann, im Kampf aller gegen alle vernichtet und in einer unendlich steigerbaren Komplexität aufgehoben. Daran führt kein Weg vorbei. „Das System, das unser aller Identitäten zerstört“, gegen das ich mich mit Alain de Benoist ausgesprochen habe, ist nach Brinkmann „letztendlich die Natur selber“ sive der Neoliberalismus sive der US-Imperialismus.

Was mich an Brinkmanns Argumentation aufrichtig freut, ist, daß er meine Befunde teilt, nur eben meine Wertung nicht. Wir sind uns einig und können also erstmal festhalten, daß das ganze Gerede von universalen Werten, nach denen der Erdball lechzt, im Grunde nicht mehr ist als die ideologische Begleitmusik zum US-Imperialismus. Brinkmann findet’s gut, ich weniger.
Brinkmanns Kapitulation vor der Globalisierung unterscheidet sich nicht wesentlich von der herrschenden Ideologie, so daß ich mich ein wenig wundere, weshalb dieser Artikel auf einer Seite erschienen ist, die im Ruf steht, systemkritisch zu sein.

Ungewöhnlich ist nur, daß der US-Imperialismus hier in seltener Offenheit biologistisch verbrämt wird. Brinkmann spielt mit einer gewissen strukturellen Verwandtschaft zwischen der survival of the fittest – Ideologie und der NS-Ideologie und scheint so diversen Alt- und Neuhitleristen das Bündnis mit den USA schmackhaft machen zu wollen. Diese Strategie kulminiert am Ende seines Aufsatzes dann darin, daß er als ein anderer Guido Knopp meinen Standpunkt mit der Strategie des französischen Generals André Maginot und seinen eigenen mit der Strategie des deutschen Panzergenerals Heinz Guderian vergleicht, der im Frankreichfeldzug 1941 die Maginotlinie überrannt hat.

So hofft Brinkmann, vielleicht ein paar ganz Altrechte, die beim Namen „Guderian“ glasige Augen bekommen, aus unserer Front herausbrechen zu können. Soll er! Wer mit den USA kollaboriert, weil sie ihn an die NS-Zeit erinnern, kann von mir aus gerne ins transatlanische Lager wandern. Das Ganze scheint an die Kollaboration der USA mit ehemaligen Wehrmachtsgenerälen in den ersten Jahren der BRD anknüpfen zu wollen – ein unschönes Zweckbündnis unter damaligen Bedingungen und bestimmt keine Tradition, auf die Patrioten sich heute berufen sollten.

Abgesehen davon unterstellt Brinkmann mir eine gewisse Geistesverwandtschaft mit den linken Befürwortern der multikulturellen Gesellschaft. Mein Kulturrelativismus sei ja auch die Grundlage des Multikulturalismus. Dazu ist zweierlei zu sagen.

Erstens: Mein „Multikulturalismus“ bezieht sich auf die Welt als Ganzes, nicht auf einzelne Gesellschaften. Und das ist ein allerdings entscheidender Unterschied: Der Begriff der „multikulturellen Gesellschaft“ ist eine Lüge, weil verschiedene Kulturen in einer Gesellschaft ihre Eigenheit verlieren müssen, wenn diese Gesellschaft Bestand haben soll. Die Vielfalt der Kulturen besteht nur in einer Welt aus gegeneinander abgegrenzten und in sich homogenen Völkern. Das Konzept einer multikulturellen Gesellschaft ist darüber hinaus eine us-amerikanische Erfindung, so daß Brinkmanns Empfehlung, sich gegen Multikuli zu amerikanisieren in etwa so sinnvoll ist wie der sprichwörtliche Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Er selbst ist, gerade indem er uns die USA als Vorbild hinstellt, der größte Multikulturalist.

Zweitens: Geht es vielleicht noch etwas engstirniger? Kommt es darauf an, 100% rechts oder 100% links zu sein? Nein, kommt es nicht! Es kommt darauf an, die Lage zu erkennen, Freund und Feind auseinanderzuhalten und die Interessen des e i g e n e n Volkes machtvoll zu vertreten.

Der Hauptfeind in unserer momentanen Lage ist der Globalismus und Kulturuniversalismus, der unsere gesamte Welt einer öden Einheitskultur nach dem Bilde der USA unterwerfen will und dafür auch vor Kriegen nicht zurückschreckt. Während meiner Reden im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt habe ich immer wieder gesagt: „Gäbe es heute noch den Irak des Saddam Hussein und gäbe es heute noch das Libyen des Muammar al-Ghaddafi – wir hätten keine Einwanderungskatastrophe!“ Damit nähern wir uns dem Kern der Sache.

Diese Kriege sind kein Ausdruck eines naturwüchsigen und alternativlosen Urzustandes, sondern Ausdruck eines internationalen Ungleichgewichts, eines Versagens der Weltgemeinschaft, einer Mißachtung des Rechts und eines illegitimen Machtwillens der USA. Es kommt demgegenüber darauf an, die USA in ihre Schranken zu weisen und einen rechtlichen Rahmen zu schaffen, der eine multipolare Weltordnung möglich macht.

Wir bräuchten einen sanktionsbewehrten Rahmen des internationalen Rechts, der sich aber anders als heute üblich streng darauf beschränkt, das Außenverhältnis der Staaten zu regeln, ohne sich in ihre inneren Angelegenheiten einzumischen.
Ein solcherart um den Menschenrechtsuniversalismus der USA erleichtertes, auf sein Kernanliegen beschränktes internationales Recht wäre ein taugliches Instrument, um das friedliche Nebeneinander der verschiedenen Weltkulturen zu regeln.

Im übrigen sind Schrebergärten nichts schlechtes, sondern eine schöne deutsche, gerade in den neuen Bundesländern gepflegte Tradition. Es muß nur ein wehrhafter Schrebergarten sein, nach außen gut gesichert durch kräftige Hecken und Stacheldraht, im Inneren aber herrschen Ordnung und Freiheit in unserem Sinn. Was der Nachbar treibt, mag uns gleich sein, solange er uns in Frieden läßt. Und falls er Probleme macht, gibt es den Verein, der ihn zur Ordnung ruft.

Hans-Thomas Tillschneider