Auf der Suche nach skandalträchtigen Punkten im Programm der AfD Sachsen-Anhalt nimmt man sich seit neuestem unserer Bildungspolitik an. Es wird auf Dauer auch langweilig, nur darauf herumzureiten, daß wir die einzigen sind, die mit deutscher Identität noch etwas anzufangen wissen und an der Sprach- und Kulturgemeinschaft „deutsches Volk“ festhalten. Zuerst hat man getreu dem alten Motto „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“ unsere Forderung nach Rückabwicklung der Bologna-Reform als „Rolle rückwärts“ kritisiert, jetzt ist unsere Forderung nach Heimunterricht dran. So langsam entdeckt das Establishment, daß wir mehr zu bieten haben als Widerstand gegen die Masseneinwanderung, aber richtig verstanden haben sie es immer noch nicht. „AfD will Schulpflicht abschaffen!“ titelt die Bildzeitung:

http://www.bild.de/politik/inland/alternative-fuer-deutschland/aufregung-um-hausunterricht-44528038.bild.html

„Schulpflicht abschaffen“ ist nicht nur verkürzt, es ist schlicht falsch. Wir wollen den gegen die Eltern und Kinder gerichteten staatlichen Schulzwang durch eine Bildungspflicht ersetzen, die auf Freiheit und Verantwortung beruht. Eltern, die ihre Kinder nicht in der staatlichen Schule unterrichten lassen wollen, erhalten die Möglichkeit, ihre Kinder privat zu unterrichten oder unterrichten zu lassen. Dabei soll in regelmäßigen Abständen – zu denken wäre an etwa halbjährliche Prüfungen – der Fortschritt kontrolliert werden. Sobald ernste Defizite erkennbar werden, erlischt das Recht auf Privatunterricht und das Kind muß wieder an die Schule.

Die Prüfungen stellen sicher, daß Eltern, die der Organisation des Privatunterrichts nicht gewachsen sind, keinen Schaden anrichten. Der staatliche Unterricht aber wird dadurch nicht schlechter, daß einige Kinder nicht an ihm teilnehmen, möglicherweise sogar besser, weil auf die gleiche Zahl an Lehrern nun weniger Schüler kommen. Eltern, die so wohlhabend sind, daß sie sich einen Hofmeister halten können, finanzieren über die Steuern, die sie entrichten, auch das öffentliche Schulwesen mit, nehmen es aber nicht in Anspruch.

Dafür erhalten wohlhabende Eltern die Möglichkeit, ihren Kindern mehr und besseres zu bieten als das staatliche Programm. Ich erinnere daran, daß Goethe Privatunterricht genossen hat. Der Lehrerverband kontert, daß kein Privatlehrer ein ganzes Lehrerkollegium ersetzen kann, weil niemand mehr als drei Fächer so beherrscht, daß er sie auf Gymnasialniveau unterrichten kann. Dieses Argument beruht auf einem falschen Bildungsverständnis, das in Bildung die Bewältigung von Faktenwissen sieht.

Bildung ist in erster Linie die Herausbildung methodischer Kompetenzen, Sprachgebrauch, auch Fremdsprachgebrauch, mathematisches Denken, analytisches Denken und schließlich auch Persönlichkeitsbildung. All das wird durch Bezug zu einem Mentor besser gefördert als in einem Klassenverband mit zwanzig, dreißig und mehr Schülern. Und was die nackte Fachkompetenz angeht, so sollte ein promovierter Geisteswissenschaftler alle Geisteswissenschaften auf Abiturniveau unterrichten können, ein promovierter Naturwissenschaftler alle Naturwissenschaften. Wenn die Fachkompetenz ihres Stammhofmeisters an einer Stelle nicht reicht, können Eltern kurzzeitig einen anderen Lehrer anstellen. So entstünde ein ganz neuer Arbeitsmarkt für Hochschulabsolventen.

Das Ganze ist vielleicht ein elitäres Konzept, aber was ist gegen Elitenbildung einzuwenden, die der Masse nicht schadet? Heimunterricht fördert ein Bewußtsein dafür, daß Bildung in der Familie beginnt. Heimunterricht steht gegen das Anspruchsdenken, man könne seine Kinder in einer staatlichen Schule abladen und würde am Ende rundum gebildete Persönlichkeiten herausbekommen. Ohne eigene Anstrengung der Eltern gelingt das auch auf staatlichen Schulen nicht.

Es wäre ein Szenario denkbar, bei dem Privatunterricht in Konkurrenz zu Schulunterricht tritt, was beide Bildungsformen zu Höchstleistungen anspornt. Ein steigender Anteil von Schülern in Privatunterricht wäre ein Indikator für die schlechte Qualität von Schulunterricht, was den nötigen politischen Druck aufbauen würde, um die Verhältnisse an den Schulen zu verbessern. Die nach wie vor zentral abzulegenden Abiturprüfungen würden sicheren Aufschluß über die Qualität jeder Bildungsform geben.

Was läßt sich dagegen vorbringen? Ein neidvolles „Alle sollen es gleich schlecht haben!“, ein Bedürfnis nach staatlicher Kontrolle, eine sozialistische Idealisierung des Kollektivs. Die etablierten Bildungspolitiker fürchten die Indoktrination der Kinder durch die Familie – vielleicht aber doch nur eine Erziehung zur Freiheit und die fehlende Möglichkeit, das Kind staatlicherseits zu indoktrinieren.

Aus der Diskussion spricht viel Mißtrauen gegenüber der Familie. Dieses Mißtrauen sollten wir eher dem Staat entgegenbringen. Das Argument gegen den Heimunterricht, er lasse sich auch von radikalen Muslimen und Koranschulen mißbrauchen, geht schließlich vollkommen an der Sache vorbei. Koranschulen, an denen gegen unsere Lebensordnung agitiert wird, lassen sich einfach verbieten, weil sie grundgesetzwidrig sind, und radikale Muslime werden ausgewiesen. Was hat das mit Heimunterricht zu tun? Es gibt kein Argument dagegen, im Bildungswesen ein Stück bürgerlicher Freiheit einzuführen.

Hans-Thomas Tillschneider