Immer wieder das gleiche Spiel: Man weise nach, daß jemand einen Begriff verwendet hat, der auch zwischen 1933 und 1945 verwendet wurde, zitiere zum Beleg irgendeinen furchteinflößenden Doktor- oder Professorentitel, errege sich öffentlich, schreibe drei, vier Artikel, fordere schließlich Konsequenzen, Sanktionen und allgemeine Ächtung, lehne sich dann zufrieden zurück und hoffe, daß der Angegriffene maximalen Schaden davontrage.

Das war so bei Eva Herrmann, die es gewagt hatte, die gleichgeschaltete Presse als gleichgeschaltet zu bezeichnen; das wurde bei den Lügenpresse-Rufen der Pegida durchgespielt; und das wird, so glauben sie, auch bei der AfD-Sachsen-Anhalt funktionieren, die in ihrem Weihnachtsgruß doch tatsächlich den Begriff „Volksgemeinschaft“ verwendet hat.

Da reagieren die Reflexe des einschlägig konditionierten Journalisten, und sofort ist von „Nazi-Sprech“ die Rede. Wer sich ein wenig auskennt, weiß natürlich, daß der Begriff der „Volksgemeinschaft“ in der Zwischenkriegszeit von ungefähr allen Parteien verwendet wurde, sachliche Einwände jedoch sind in solchen Diskussion prinzipiell nicht zugelassen. Der hat „Volk“ gesagt, der muß weg!

Aber wenn schon Sprachpolizei, dann bitte konsequent! Wie kann man die Rede von der „Volksgemeinschaft“ anprangern, und immer noch ganz ungeniert von „Volkswagen“ sprechen? Ein Prestigeobjekt der Nazis par excellence mit einem Namen, der nun wirklich Programm ist. Der Wagen für das Volk! Herzenswunsch von Adolf Hitler! Wenn man es recht bedenkt, dann geht „Volkswagen“ gar nicht, und man wundert sich, weshalb auf den Abgasskandal nicht schon längst der Namensskandal gefolgt ist.

Viel schlimmer als „Volkswagen“ ist übrigens „Wolfsburg“, eine Stadt, die 1938 (!) von den Nazis als Sitz des Volkswagenwerks gegründet wurde und zusammen mit „Wolfsschanze“ wohl den Gipfel nazimäßiger Begrifflichkeit verkörpert. Verglichen mit „Wolfsburg“ ist „Volksgemeinschaft“ nun wirklich eine läßliche Sünde. So lange diese Stadt weiterhin diesen Namen führt und nicht in „Refugees-welcome-Stadt“ umbenannt ist, mögen bitte alle Journalisten davon schweigen, daß die AfD-Sachsen-Anhalt in ihrem Weihnachtsgruß den Begriff der „Volksgemeinschaft“ verwendet hat. Außerdem sollten die sog. „Volksparteien“ SPD und CDU sich diese Bezeichnung verbitten und darauf bestehen, künftig nur noch als „Bevölkerungsparteien“ angesprochen zu werden.

Und noch aus einem weiteren Grund zieht das Nazisprech-Argument nicht: Alle Skandale um Nazibegriffe setzen voraus, daß es überhaupt so etwas gibt wie Begriffe, die dauerhaft verseucht sind, weil ihre Bedeutung zwischen 1933 und 1945 festgeschrieben wurden. Bei postmodernen Linken, die für gewöhnlich ihre Freude an allen Arten von Wandelbarkeiten und Kontextualisierungen haben und jede Art von starrem Essentialismus zutiefst verabscheuen, eine höchst befremdliche Denkungsart!

Hat der gemeine Wald- und Wiesenintellektuelle der BRD unserer Zeit etwa nicht die Erkenntnis verinnerlicht, daß die Bedeutung eines Zeichens ihm nicht anhaftet, sondern erst durch die Konstellation von Zeichen und Kontext entsteht und sich deshalb mit den ständig wandelnden Konstellationen auch die Bedeutung wandelt? Das Zeichen selbst ist nichts, sein System ist alles. Und auch wenn wir nicht strukturalistisch, sondern eher pragmatisch an die Sache herangehen wollen, läßt sich nicht behaupten, daß Begriffen ihre Bedeutung unwandelbar anhaftet. „Words don’t have meanings, they have uses“, um es mal ganz modisch auszudrücken.

Wenn also die AfD Sachsen-Anhalt im Jahre 2015 von „Volksgemeinschaft“ spricht und man zwischen 1933 und 1945 von „Volksgemeinschaft“ gesprochen hat, dann hat das eine rein gar nichts mit dem anderen zu tun, weil die Kontexte und Verwendungsweisen grundverschieden sind. Der bloße Gleichklang bedeutet nichts. Wer etwas anderes behauptet, huldigt einem längst überwunden geglaubtem, höchst verdächtigen Essentialismus, womit wieder einmal bewiesen wäre, daß der Verstand aussetzt, wenn die Hitlerei beginnt.

Hans-Thomas Tillschneider