Seit längerem war ich gestern wieder auf einer Legida. Die Sommerpause ist nun endgültig vorbei, der heiße Herbst beginnt. Stürzenberger, den ich zum ersten Mal live reden hörte, äußerte sich wie immer etwas zu undifferenziert zum Islam, sprach aber auch viel Wahres aus und erwies sich als veritabler Volksredner. Auf ihn folgte ein hochsympathischer afrikanischer Freiheitskämpfer mit Predigertalent, der die AfD-Forderung nach einer qualitiativ gesteuerten Einwanderung verinnerlicht hatte und die Einmischung imperialer Mächte in afrikanische Angelegenheiten kritisierte. Trotz dieses Zeichens der internationalen Solidarität und ausgesprochenen Fremdenfreundlichkeit läuft Legida in der Pleitepresse seit neuestem nicht mehr nur als „islamfeindlich“, sondern als „ausländerfeindlich“ – eine propagandistische Verschärfung, die jeden Bezug zur Realität verloren hat.

Das für mich Bemerkenswerte an dieser Demonstration spielte sich jedoch am Rande ab. Es war eine kleine Szene, die nur wenige beobachtet haben und die ich etwas ausführlicher schildern will. Als wir, aus der Lessingstraße kommend, in die Jahnallee einbogen, stand dort vor einem italienischen Lokal eine Mittfünfzigerin, Typ erfolgreiche Geschäftsfrau, Pagenschnitt, dunkelgefärbtes Haar, dunkles Kleid und brüllte die üblichen Beschimpfungen.

Auf einmal aber riß sie, als habe ihr jemand einen Stich gegeben, ihre Augen so brutal auf, daß die Augäpfel hervordrängten. Sie schob ihren Kiefer vor, bleckte ihre Zähne, ihre Hände wurden zu Krallen, sie schüttelte sich und zuckte mit ihren Hüften, als wäre sie ein Mann, der andeutet, er wolle alles vergewaltigen, was sich in seinen Umkreis wagt.

Das kam tief aus dem Gedärm. Das war keine Augendienerei und Empörung, wie sie bei solchen Anlässen gerne geheuchelt wird, um die Genossen zu beeindrucken und einen Beweis der eigenen Rechtgläubigkeit zu geben.
Nein, das war ihre ganz aufrechte Passion, der zügellos hinzugeben sie sich einen Moment lang gönnte. Wir alle kennen die Szene aus der Verfilmung von George Orwells 1984 durch Michael Radford, in der Julia während einer Haß-Sendung in höchster Erregung ihren Schuh Richtung Leinwand schleudert. So ähnlich, nur noch stärker. Hier ab Minute 3.00:

Neben ihr stand ein etwas jüngerer Mann mit Sonnenbrille, der wohl irgendwie zu ihr gehörte, von dem aber aufgrund des Augenscheins nicht zu sagen wäre, ob ihm die Rolle des Geschäftspartners oder des Geschlechtspartners zukam. Vermutlich stand er nur deshalb so nichtssagend neben ihr, weil ihm der Ausbruch seiner Partnerin peinlich war. Als sie in konvulsivischen Zuckungen Richtung Demonstranten hüpfte, schien er ihr etwas Zurückhaltendes sagen zu wollen.

Ein Polizist versperrte ihr schließlich den Weg und drängte sie unter Körpereinsatz zurück. Die Grimasse fiel in sich zusammen und sie ging leise mit ihrem Was-auch-immer-Partner davon. Einige Gäste des Lokals, die zu ihrer Pizza das Spektakel beobachteten, gaben sich amüsiert und zeigten mit dem Daumen nach oben. Ein Demonstrant neben mir schüttelte den Kopf und fragte: „Woher kommt dieser Haß? Woher kommt nur dieser Haß?“

Hans-Thomas Tillschneider