Bei der Suche nach geeigneten Kandidaten für den Bundesvorstand unserer Partei während der letzten Wochen ist gegen bestimmte Kandidaten, gegen die sich nichts anderes vorbringen ließ, immer wieder ein Horrorszenario bemüht worden, das in etwa so aussieht:

Wenn Lucke in Essen verliert und andere, die als rechte Reizfiguren gelten, unter Petry in den Bundesvorstand gewählt werden, wenn dann alle Weckrufer zu Wehrufern werden und mit viel Geschrei ausziehen, dann war’s das mit der AfD.
Bislang hatten wir in den Medien ja noch den Status eines enfant terrible, mit dem man von Zeit zu Zeit ein wenig schimpft, das man aber ansonsten doch schön spielen läßt. Das können wir uns dann abschminken. Die Presse wird uns endgültig zum Abschuß freigeben, die ganz schwere Skandalisierungs-Artillerie wird zum Einsatz kommen und der Spaß wird ein Ende haben.

Das Trommelfeuer provoziert unter den Mitgliedern Trotz- und Abwehrreaktionen, sie treten in einen Überbietungswettbewerb, die ganze Partei bekommt einen unaufhaltsamen Drall ins Extreme, das Feuer der Berichterstattung wird schärfer, was den Drall weiter verstärkt, schließlich verlieren alle den Verstand und der Laden rast mit Wahnsinnsgeheule gegen irgendeine Wand.

An dieser Prognose ist fast alles falsch. Zunächst und vor allem irrt sie, indem sie stillschweigend voraussetzt, daß wir etwas erreichen könnten, wenn wir uns von den Drohgebärden der Mainstreampresse einschüchtern lassen. Wenn wir nicht zu sehr provozieren, wenn wir unsere Forderungen dem anpassen, was im Mainstream toleriert wird, dann wird man uns, so der Glaube, schon gewähren lassen, dann haben wir am Ende Erfolg. Ganz abgesehen davon, daß ein solches Kalkül von Sklavenbewußtsein zeugt und einer freiheitlichen politischen Kraft schlecht ansteht, kann es gar nicht aufgehen.

Die Anerkennung des Mainstream bekommen wir nur für eine Politik, die auch Mainstream ist. Basta! Und wenn wir die Politik machen, für die wir angetreten sind und die so ziemlich alle Besitzstände des medial-politischen Komplexes angreift, werden wir diffamiert. Einen dritten Weg gibt es nicht. Daß wir bislang nur halbherzig angegriffen wurden, lag einfach daran, daß noch unklar war, in welche Richtung die Reise geht. Noch länger können wir den Schwebezustand der Unentschiedenheit nicht hinauszögern.

Und glaubt ja nicht, wir könnten uns durchmogeln! Das ist so eine realpolitische Träumerei: Die Hoffnung, man könne sich angepaßt geben und dann irgendwann in der Zukunft, wenn man nur stark genug ist, endlich die andere Politik machen, die einem vorschwebt. Das Faule daran: Wenn wir auf diese Weise stark geworden sind, werden wir danach eine andere Politik weder machen wollen noch machen können.

Auf den Essay „Mit Mimikry ins Establishment“ von Martin Lichtmesz kann nicht häufig genug verwiesen werden: http://www.sezession.de/…/alternative-fuer-deutschland-mit-…

Anstatt uns zu überlegen, wie wir dem Mainstream gefallen oder ihm zumindest nicht auf die Nerven gehen, sollten wir uns von ihm unabhängig machen. Vermutlich sind wir es ohnehin schon mehr, als wir glauben. Viele unserer Wähler und Anhänger haben das Vertrauen in die Mainstreammedien verloren und nehmen sie deshalb nur unter Umwertung aller Wertungen zur Kenntnis.

Jeder, der in einem linksliberalen Kampfblatt hochgeschrieben wird, sei uns hochgradig suspekt; jeder, der von dorther unter Beschuß gerät, sei unser Held. Der Liebling des Mainstream gelte nichts unter uns, und der Vogelfreie sei uns der Größte. Damit ließe sich – wie heißt es nicht so schön in der Kampfkunst? – die Kraft des Gegners nutzen.

Da aber auch diese Haltung, wenn sie sich verfestigt, kalkulierbar wird und also abhängig macht, wäre es besser, gar nicht zu beachten, was der Mainstream schreibt. Keine negative Rezeptionskultur – überhaupt keine Rezeption! Die Mainstreampresse links liegen lassen und nicht einmal von Lügenpresse sprechen, sondern besser von Pleitepresse, geplagt von sinkenden Auflagen und Zeitungssterben.

Jenseits der Pleitepresse haben wir dagegen Alternativmedien, die ständig wachsende Auflagen verzeichnen. Es sind ökonomisch erfolgreiche, weil von einem gesunden Geist getragene Projekte wie das Compact-Magazion, die Sezession oder eigentümlich frei. Dort wird sachlich und neutral berichtet, in Zusammenarbeit mit diesen Medien können wir uns eine Basis erarbeiten, die für den Einzug in den nächsten Bundestag reicht und sicherstellt, daß wir nicht zur Scheinalternative abgeschliffen werden.

Die Gefahr, wie die Republikaner zu enden, besteht nicht. Die Republik ist heute eine andere als in den 90ern. Die Geschichte wiederholt sich nicht, und das gab es noch nie: eine breite bürgerliche Bewegung jenseits der etablierten Parteien. Die etablierten Parteien haben ihre Integrationskraft verloren. Das Bürgertum entgleitet ihnen. Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ war ein publizistischer Großerfolg, Pegida eine Straßenbewegung im bürgerlichen Milieu. Wir sind stark und kennen uns: Wir tragen die Maßstäbe von Freiheit, von Demokratie und Bürgerlichkeit so fest in uns, daß wir ganz sicher nicht zugrunde gehen. Alles, was uns fehlt, ist etwas mehr Mut!

Hans-Thomas Tillschneider