„Der irrt sich nicht. Der hat den Blick. Verlaßt euch drauf! Der riecht’s“ sagt in Max Frischs Theaterstück „Andorra“ der Doktor über den Judenschauer, der den Protagonisten Andri am Gang als Jude identifizieren soll.

Andreas Kemper ist auch so einer, der’s riechen kann. Allerdings sind nicht die Juden sein Spezialgebiet, sondern die „AfD-Nazis“, wie es im Jargon seines Milieus heißt, und er identifiziert sie nicht an ihrem Gang, sondern an ihren Texten.

Wo andere blöd über die Abgründe zwischen den Zeilen hinwegtappen und im glücklichsten Fall gerade mal so verstehen, was gesagt werden soll, sieht Andreas Kemper ein Geflecht von Bezügen, Tarnversuchen, geheimen Botschaften und Filiationen. Ihm macht keiner was vor. Satz für Satz, Wort für Worte geht er mit seiner Wünschelrute über die Texte hinweg.

Björn Höcke spricht von „Menschenexperimenten“ und ein gewisser Landolf Ladig – seltsamer Name unter einem Text in einer NPD-Zeitung – spricht auch von „Menschenexperimenten“. Landolf Ladig spricht vom „Versöhnungswerk von Ökologie und Ökonomie“ und Björn Höcke spricht davon, daß „Ökonomie und Ökologie“ sich versöhnen sollen usw. Die Wünschelrute schlägt aus: Hinter Landolf Ladig steht Björn Höcke.

Auf die Gefahr hin, daß Andreas Kemper mich für einen Banausen bar jedes höheren Sensoriums hält, muß ich darauf beharren: Den schnöden Anforderungen intersubjektiver Erkenntnismaßstäbe hält die Feinsinnigkeit seiner Assoziationen nicht stand. Die Annahme, daß zwei, die sich desselben Begriffs bedienen, dieselbe Person sind, ist genauso zwingend wie die Annahme, die alte Witwe im Dorf sei für den Hagel verantwortlich ist, der die Ernte zerhauen hat, und stünde mit dem Teufel im Bunde.

Die Rede von „Ökonomie und Ökologie“ ergibt auf google einhundertzweiundvierzigtausend Treffer, wobei ich glaube, mich erinnern zu können, daß auch Elke Fein, die jeder rechten Verbindung unverdächtige AfD-Linke aus Freiburg, einmal von „Ökonomie und Ökologie“ gesprochen hat, und das sogar wie Ladig und Höcke irgendwie im Zusammenhang mit den Grenzen des Wachstums. Der Begriff „Menschenexperimente“ wird tausendfach im Zusammenhang mit Kritik an den Menschenexperimenten der Nationalsozialisten verwendet – nicht gerade ein rechtsextremer Kontext. Und so steht es mit jedem anderen der Begriffe, die Ladig und Höcke verwenden, und die für Andreas Kemper beweisen, daß hinter Ladig Höcke steht, zumindest aber zwischen beiden eine bedenkliche geistige Verwandtschaft besteht.

Kempers Verdächtigung ist eine Spielart des gängigen Schemas politischer Verurteilung, wonach Begriffe, die von Geächteten verwendet werden, fortan den Rückschluß erlauben, daß jeder, der sie auch noch verwendet, sei es davor, sei es danach, im Prinzip die gleiche Weltanschauung wie der Geächtete hegt.

Nachdem in Dresden die ersten Rufe „Lügenpresse“ laut wurden, hat irgendjemand herausgefunden, daß auch Goebbels von „Lügenpresse“ gesprochen hat. Pegida spricht also „wie Goebbels“, und wer „wie Goebbels“ spricht, so die Unterstellung, der wird auch wie Goebbels denken.

Jedem, der noch halbwegs bei Verstand ist, dürfte einleuchten, daß das Kompositum Lügen-Presse in einer Sprache, die bekanntermaßen so leicht Nominalkomposita bildet wie das Deutsche nicht komplex und charakteristisch genug ist, um jemanden, der es verwendet, zu unterstellen, er wolle „wie Goebels“ sprechen. Außerdem taucht der Begriff „Lügenpresse“ schon lange vor Goebbels auf, Goebels ist also keinesfalls der erste, der ihn verwendet hat, so daß man nicht einmal sagen kann, er sei durch ihn geprägt worden, sei sein geistiges Eigentum und transportiere fortan als eine Art Naziwortmarke seinen Ungeist.

Daran, daß solche Einwände nicht mehr zur Kenntnis genommen werden, erkennt man am besten, daß das, was sich abspielt, eine Art Wahn darstellt. Daß die NPD Thilo Sarrazin rezipiert und seine Begriffe verwendet hat, wurde ihm schließlich auch zum Vorwurf gemacht. Zwar muß, nur weil die NPD Sarrazin gut findet, Sarrazin die NPD nicht auch gut finden, doch wen kümmert das schon?

Dagegen stellen wir einmal in aller Nüchternheit fest: Nur, weil zwei Autoren gleiche Begriffe verwenden, müssen sie nicht voneinander wissen, geschweige denn aufeinander anspielen oder sich zitieren, nicht eines Geistes Kind und erst recht nicht identisch sein. Daraus, daß alle Rechtsextremisten von Lügenpresse sprechen, folgt genauso wenig, daß alle, die von Lügenpresse sprechen, Rechtsextremisten sind, wie aus den Prämissen „Alle Pferde sind sterblich“ und „Sokrates ist sterblich“ folgt, daß Sokrates ein Pferd ist.

Solche verquasten Argumentationen sind leider nicht auf den politischen Streit und den Journalismus beschränkt, sondern gelten auch in der zeitgenössischen Geisteswissenschaft als salonfähig, was uns ihr ganzes Elend vor Augen führt. Dieser Wahnsinn hat Methode, seitdem der Poststrukturalismus, vor allem der von Derrida begründete Dekonstruktivismus die Grundlage jeder rational abgesicherten Erkenntnis in den Geisteswissenschaften untergraben und einem ungezügelten Assoziieren Bahn gebrochen hat.

Vor einigen Jahren kam ich in die Lage, eine Studie über die intertextuellen Bezüge zwischen Koransuren zu besprechen, die durchaus von einer gewissen Intelligenz des Verfassers zeugte, aber trotzdem einem schweren Denkfehler unterlag: Sobald sich Begriffe und Phrasen in einzelnen Suren wiederholten, nahm der Autor der Studie an, die Suren würden aufeinander Bezug nehmen, es handele sich um gezielte Relektüren oder Umdeutungen früherer Suren. Wo man bis dahin einfach nur Wiederholungen gesehen hatte, eröffnete sich auf einmal ein schillerndes Geflecht intertextueller Bezüge – nur leider ein Wahngebilde! Die Möglichkeit, daß die Suren sich, obwohl sie ähnliche Begriffe enthalten, nicht aufeinander beziehen, sondern unabhängig voneinander auf eine außerkoranische Vorlage zurückgehen, kam dem Autor gar nicht in den Sinn. Seine gesamte Argumentation war nicht mehr als eine Geburt seiner assoziativen Phantasie. „Solang du Selbstgeworfenes fängst, ist alles Geschicklicklichkeit und läßlicher Gewinn“, mag man mit Rilke sagen. Läßlicher Gewinn ist auch das, was Andreas Kemper sich zusammengereimt hat.

Solange auf der Grundlage von derlei Phantasiegebilden und Fehlschlüssen nur Promotionsurkunden ausgestellt werden, mag es noch angehen. Wenn aber eine solche Assoziiererei dazu führt, daß Verdächtigungen konstruiert und das Ansehen von Personen beschädigt wird, dann hat der Karneval ein Ende, und dies nicht zuletzt wegen seiner entlarvenden Widersprüchlichkeit.

Andreas Kempers intertextueller Ansatz beruht auf Theorien, die das Autorsubjekt in Frage stellen. Wenn jeder Text andere Texte aufruft und das Erzeugen von Texten nichts ist als ein Zitieren von anderen Texten und so das Fortweben an einem großen anonymen Gewebe, dann ist letztlich niemand Autor und irrelevant, wer genau was gesagt hat. Diese intellektuelle Nonchalance schlägt nun aber in den schärfsten Ermittlungseifer um, wenn es darum geht, einen „AfD-Nazi“ dingfest zu machen. Nun gilt auf einmal doch die strengste persönliche Verantwortlichkeit für den Text.

Ein Paradigma, das entwickelt wurde, um Autorschaft aufzuheben und jedem die Verantwortung für das, was er sagt, abzusprechen, trifft auf das schärfste kriminalistische Interesse, den Verantwortlichen dingfest zu machen, mit dem Resultat, daß nun jeder Beliebige zur Rechenschaft gezogen werden kann. Es ist ein nicht nur politisches, sondern auch intellektuelles Armutszeugnis von Bernd Lucke, daß er sich auf einen solchen Unfug eingelassen und Björn Höcke eine eidesstattliche Versicherung abverlangt hat, er sei nicht Landolf Ladig. Ich halte es in diesem Punkt mit Foucault: Wen kümmert’s, wer Landolf Ladig ist? Je suis Landolf Ladig.

Hans-Thomas Tillschneider