Im Sommer 2013 führte die FPÖ eine Kampagne unter dem Titel „Liebe deinen Nächsten“ durch. In dieser Kampagne wurde der Begriff der Nächstenliebe so gedeutet, daß mit dem Nächsten der Österreicher gemeint sei. Der Aufschrei in den Medien, in der Politik und auch im Klerus war groß. Die evangelische Kirche sprach vom Mißbrauch religiöser Begriffe und einer unzulässigen Verengung der Nächstenliebe.

Die Gewalt, die H.-C. Strache dem neutestamentlichen Begriff der Nächstenliebe möglicherweise angetan hat, scheint mir allerdings gering, verglichen mit den Vergewaltigungen, denen dieser Begriff ansonsten ausgesetzt ist. Im Grunde lag die FPÖ auch gar nicht so falsch.

Nächstenliebe wird uns von engagierten Geistlichen üblicherweise erklärt als die Pflicht, mit jedem x-Beliebigen auf dieser Welt solidarisch zu sein und das wiederum wird zur Generaltugend eines Christenmenschen erklärt, gegenüber der alles andere zweitrangig zu sein habe. Nächstenliebe legitimiert den Rechtsbruch mit Namen „Kirchenasyl“ und legitimiert eine Asylpolitik, die dem Zustrom von Flüchtlingen gleich welcher Art keinerlei Hindernis mehr entgegensetzen will.

Kann das Wesen der Nächstenliebe darin liegen, daß sie den Forderungen einer linken Politik Nachdruck verleiht? Grundsätzlicher gefragt: Lassen sich mit Nächstenliebe überhaupt moralische Forderungen begründen? Jeder Jurist und jeder Moralphilosoph weiß: Gefühle können nicht geboten werden, weil sie nicht in unserer Macht stehen. Gefühle kommen und gehen, manchmal stellen sie sich als dauerhaft heraus, aber ob sie sich so entwickeln, darauf haben wir keinen Einfluß.

Immanuel Kant hat den Begriff Nächstenliebe im Rahmen seiner Metaphysik der Sitten deshalb entemotionalisiert und als „Wohltun aus Pflicht“ umschrieben. Niemand kann von mir verlangen, den anderen zu lieben; aber man kann von mir verlangen, daß ich ihm aus Pflicht Gutes tue. So elegant sich diese Deutung in Kants moralphilosophisches System fügt, so wenig wird sie der Nächstenliebe gerecht, von der im Neuen Testament die Rede ist.

Was ist Nächstenliebe aber dann, wenn sie weder ein per se unmögliches Gebot zur affektiven Liebe noch bloßes nüchternes Wohltun aus Pflicht ist? Die Antwort auf diese Frage scheint mir der Theologe Rudolf Bultmann in seinem 1930 erschienen Aufsatz „Das christliche Gebot der Nächstenliebe“ gefunden zu haben.

Beeinflußt von der Existenzphilosophie Martin Heideggers, ist Bultmann skeptisch gegenüber abstrakten, weltfernen Ansprüchen an unser menschliches Sein. Er richtet sich damit gegen das Grundprinzip jeder metaphysischen Ethik, deren dekadenten Auswuchs wir in der linken Hypermoral unserer Gegenwart erleben. Menschliches Sein ist immer konkret, ist gebannt in ein Hier und Jetzt. Auf dieser Grundlage deutet Bultmann Nächstenliebe nicht als ein Ideal, dem nachgeeifert werden muß, nicht als Gebot, das erfüllt werden muß, sondern als eine Art Gefühlserkenntnis.

Nächstenliebe ist kein hehrer Anspruch, etwas, was erst unter sittlicher Anstrengung herzustellen wäre, sondern sie öffnet die Augen für das, was immer schon ist. Sie ist kein Sollen, sondern ein Sein. Nächstenliebe läßt uns erkennen, was uns mit den Menschen um uns herum verbindet.
Mit den Worten von Bultmann: „Die Liebe sagt nichts darüber aus, wie sittliches Handeln im allgemeinen beschaffen sein müsse, um als sittliches bezeichnet werden zu können. Sie ist ebenso wenig das Materialprinzip einer Ethik; denn sie sagt nichts aus über ein zu verwirklichendes Ideal, über ein zu erreichendes Ziel. Sie gibt keine Grundsätze des Handelns an, gemäß denen ich mich dann, wenn ich sie weiß, verhalten kann. (…) Die Liebe ist nicht und enthält nicht einen zu realisierenden Wert; sie ist vielmehr ein ganz bestimmtes Verstehen der Verbundenheit von Ich und Du nicht im allgemeinen (…), sondern sie versteht je meine Verbundenheit mit meinem Nächsten in der jeweiligen Situation.“

Das heißt: der Nächste ist gerade nicht jeder x-Beliebige, mir fernstehende Mensch auf der Welt, sondern derjenige, der schon mit mir in Lebensbezügen verbunden ist, der mir Nahestehende. Mein Nächster ist also mein Verwandter, mein Kind, meine Frau, mein Nachbar, mein Freund, mein Kollege, mein Parteifreund, mein Bundesbruder und natürlich auch der Mitbürger, der mir über Sprache und Kultur verbunden ist.

Diesen Nächsten habe ich mir nicht ausgesucht. Nächstenliebe hat nichts mit Wahlverwandtschaft zu tun. Es geht hier weder um jeden x-Beliebigen noch um diejenigen, die ich mir gerne aussuchen würde, sondern um die Beziehungen zu Menschen, in die ich mich geworfen finde. Unsere Familie können wir uns nicht aussuchen. Parteifreunde ebenso wenig, aber wenn wir ihnen mit Geist der Nächstenliebe begegnen, dann begegnen wir ihnen so, als hätten wir sie ausgesucht.

Nächstenliebe ist dann kein Gebot, sondern eine Befreiung. Sie befreit uns von falschen, verlogenen Ansprüchen und dem Wahn, ihnen gerecht werden zu müssen und zeigt uns, was uns mit den Menschen um uns herum jeweils wirklich verbindet. Wenn ich erkenne, was mich mit meinem Nächsten verbindet, dann weiß ich auch, und zwar unmittelbar, ohne daß es mir von einer Kanzel her gepredigt werden muß, was zu tun ist.

Nächstenliebe erkennt und anerkennt die Bindungen, in die wir geworfen sind: Wer das Wesen der Nächstenliebe verstanden hat, der akzeptiert den Parteifreund, auch wenn er seinen eigenen Plänen im Wege steht, der begegnet auch seinem Konkurrenten kameradschaftlich und fair, weil er unter jedem Streit ein Fundament der Verbundenheit sieht, das keinem Streit geopfert werden darf.

Hans-Thomas Tillschneider