Wieder war ich gestern auf der Pegida-Demonstration in Dresden. Wir waren etwas mehr als beim letzten Mal – schätzungsweise 2000 –, werden uns nächsten Montag wieder versammeln, und ich wette, daß wir wieder etwas mehr sein werden. Das, was sich da in Dresden gebildet hat, ist keine Eintagsfliege.

Die Bewegung besetzt ein Feld zwischen dem handfesten Hogesa-Krawall in Köln und den Montagsdemos, die diesen Sommer Konjunktur hatten und, als es kälter und früher dunkel wurde, schnell abgeflaut sind. Pegida vereint in sich das, was den Erfolg beider Bewegungen ausgemacht hat, ohne ihre Fehler zu wiederholen.

Mit den Montagsdemos verbindet Pegida die Offenheit und Regelmäßigkeit, hat ihnen aber die Klarheit der Forderungen und die Disziplin und Bodenständigkeit des Publikums voraus, und das sind unter Umständen die entscheidenden Vorteile.
Mit Hogesa verbindet Pegida das Thema Islam, nähert sich ihm aber ungleich klüger. Das läßt sich schon allein am Namen ablesen. Hogesa steht für „Hooligans gegen Salafisten“, Pegida steht für: „Patriotische Europäer gegen Islamisierung des Abendlandes“.

Patriot ist jeder rechte Bürger gerne. Sich zu den Hooligans zu stellen erfordert jedoch ein Maß an Renitenz und Antibürgerlichkeit, wie es nur eine kleine konservative Avantgarde aufbringt – an der Spitze unsere Tatjana Festerling. Der großen Mehrheit fehlt der Sinn für den aparten Reiz eines Schaukampfes, bei dem beide Kulturen ihre ganz schweren Jungs in den Ring schicken. Das wäre das Eine, was die Pegida-Bewegung den Hogesas voraus hat. Der Verzicht auf das Rufen von Parolen und die Form des Schweigemarsches gehören dazu. Pegida strahlt Ruhe und Diszplin aus, Unaufgeregtheit und Vernunft. Wer hier mitläuft, muß sich nicht mit Sprechchören aufstacheln. Er hat es sich gut überlegt und weiß, was er tut.

Aber nicht nur das Bild der Anhängerschaft, auch die Identifikation des Gegners ist treffender. Pegida hat erkannt, daß das Problem nicht allein die Salafisten, Djihadisten und Terroristen sind, jenes traurige Häuflein von schätzungsweise 5000 meist jugendlichen Hysterikern, die sich bei ihren Zusammenkünften Geschichten aus dem Leben ihres Propheten erzählen und darüber in Tränen ausbrechen, die mit Koranverteilungen von sich reden machen, martialische Kriegslieder hören, Kämpfer nach Syrien schicken und sich mit der Polizei prügeln. Das wahre Problem sind nicht sie, sondern der langsame und stete Prozeß der Verwirklichung von mehr und immer mehr Islam, der eine Gesellschaft zum Ziel hat, in der niemand von uns leben will.

Für diesen Prozeß gibt es keinen besseren Begriff als „Islamisierung“. Hinter ihm stehen Lobbyisten, die viel klüger sind als die salafistischen Hitzköpfe. Sie haben verstanden, daß sie weiter kommen, wenn sie sich am politischen Geschäft beteiligen, wenn sie in die Parteien gehen, Unterstützung für Gegenleistung anbieten, und unter dem Deckmantel der Expertise an entscheidender Stelle Konzepte und Strategiepapiere platzieren, die ihrem Wünschen und Wollen auf den Leib geschneidert sind. Die rohe Gewalt der Hooligans hilft hier nicht weiter, ja sie schadet, weil sie den Protest diskreditiert. Sie kommt den Islamverbandsfunktionären ebenso zupaß wie der Salafismus selbst, der ihnen die Möglichkeit bietet, sich als die Guten und Gemäßigten zu verkaufen – ein Ticket, auf dem sie es vereinzelt schon bis in die Sicherheitsorgane geschafft haben.

Pegidaa spricht nicht von Salafisten, sondern von Islamisierung, und das ist das Wertvollste an dieser Bewegung, hinter der kluge Köpfe zu stehen scheinen. Was ihr noch fehlt, ist eine Partei, die den Protest in die Parlamente trägt.

Hans-Thomas Tillschneider