„Deutschland schafft sich ab“, sagt Thilo Sarrazin. Dafür gibt es viele Bespiele. Eines ist das Folgende: Viele empfinden nichts mehr dabei, dass im Gegensatz zu allen anderen europäischen Ländern, die von den Sendern gespielte Musik zu über 90 Prozent englischsprachig ist. Achten Sie doch einmal darauf, wie das ist, wenn sie durch eines unserer Nachbarländer fahren. Die fast totale sprachliche Hörigkeit findet sich nur in Deutschland und Österreich, in den anderen Ländern auch dann nicht, wenn die Musik für ein junges Publikum bestimmt ist. Da gibt es noch ein starkes Gefühl für das Eigene, das sich bei uns kaum noch regt. Was ist das Anderes als der Beweis, dass sich Deutsch-Land in kulturell-sprachlicher Hinsicht bereits weitgehend selbst abgeschafft hat? Dieses strebsame, lernbegierige Volk hat sich selbst mit dem Bade ausgeschüttet und ist nun dabei, sich endgültig kulturell zu entkernen, wenn Parteien wie die AfD nicht laut und deutlich STOPP sagen.

Jetzt schon ist es schick und „in“ hier in Deutschland, intime persönliche Bekenntnisse wie Geburtstagsglückwünsche und Liebesgeständnisse nicht mit der Sprache der eigenen Mutter auszudrücken. Sie ist zwar die, die für alles sorgt, aber sie ist zu gewöhnlich; die schicke „Tante“ von weiter her beeindruckt die schlichteren Gemüter mehr: Lese- und Rechtschreibschwache lispeln „Happy birthday“ – sogar mit tie ätsch –, und „I love you“ steht geschrieben an zig Wänden und unschuldigen Bäumen. Ein großer Teil der jungen Generation dieses Volkes und auch der, die immer noch gern für jung gelten wollen, kann nicht einmal mehr in seiner Muttersprache fluchen. Da geht es an den inneren Kern des Denken und Fühlens. Wenn ein Deutscher in Deutschland spontan aus tiefer Wut oder Not „fuck“ oder „(bull)shit“ schreit, anstatt schlicht und einfach „Scheiße“, dann frage ich mich ernsthaft, wo ich hier lebe.
Es geht aber nicht nur um den Alltag: Es geht auch darum, das ALLES, was wichtig und wertvoll ist, in Deutschland mehr und mehr auf Englisch gesagt und geschrieben wird. Sehr praktisch für die NSA. Das betrifft die Forschung und die Lehre und die Sprache der Konzerne auf den Ebenen, wo wirklich die Entscheidungen getroffen werden. Und das in einem Land, dessen Sprache bis in die Sechziger Jahre nach dem 2. Weltkrieg zu den unbestrittenen Welt(wissenschafts)sprachen gehörte. Ich verstehe ja als ehemaliger DDR-Bürger etwas von Abwicklung. Aber bei der Abwicklung unserer eigenen Sprache laufen unsere Eliten noch einmal zur Höchstform auf.

Wer sollte denn da in Deutschland STOPP sagen, wenn nicht wenigstens die „Alternative für Deutschland“? Unsere eigene deutsche Mentalität, alles besonders gut können zu wollen, stellte und stellt uns hier ein Bein: Vor Aufregung mit den Fingern schnipsend melden sich auf internationalen Kongressen, selbst wenn sie in Deutschland stattfinden und von 100 Teilnehmern nur zwei nicht deutsche Muttersprachler sind, die strebsamen, bildungsbeflissenen Deutschen. Es hält sie kaum noch auf ihren Stühlen: „Ich weiß was, ich kann was, ich kann Englisch!“ Warum soll ich in der Sprache der Menschen reden, die mich gewählt haben und wieder wählen sollen, wenn es viel schicker ist, auf Englisch parlieren, scheint sich z.B. die CDU-Politikerin Ursula von der Leyen zu sagen, die auf der Sicherheitskonferenz in München unbedingt Englisch reden musste. Einen kleinen Vorteil hat das allerdings: Dass sie keine deutschen Interessen, sondern primär amerikanische vertritt, macht sie so von vornherein, schon symbolisch klar. In diesem Zusammenhang muss ich dem SPD-Politiker Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments, Respekt zollen: Obwohl er – nach meiner Einschätzung – auch Französisch und Englisch sehr gut kann, redet er als Vertreter des Europäischen Parlaments meistens Deutsch, so z.B. auch vor dem Israelischen Parlament. Im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Politikern füllt er die theoretische Tatsache, dass Deutsch neben Englisch und Französisch die dritte offizielle Arbeits- und Verkehrssprache der EU ist („Amtssprachen“ sind sie alle), so mit praktischen Leben. Und darauf kommt es an.

Aber wenn die Deutschen doch nun einmal selbst so viel englischsprachige Musik hören wollen?! Es ist ganz einfach: Wer von Kindesbeinen an immer wieder nur Fastfood bei McDonalds oder Burger King vorgesetzt bekommt, sperrt sich irgendwann gegen die eigene, gesündere Hausmannskost, sie kommt ihm dann komisch und altmodisch vor, er will weiter das, was ihm sowieso immer wieder serviert wurde. Genauso begründet Reinhard May seine Forderung nach mehr deutschsprachiger Musik in Deutschland (wobei er Chansons und deutschsprachige Rockmusik meint, „Volksmusik“ und deutsche Schlager ausdrücklich ausnimmt). Er sagt, wem wieder und wieder immer nur schwarze Schuhe vorgesetzt werden, der wird sich dann kaum noch für weiße entscheiden können.

„Quote“ ist ein Reizwort für alle freiheitlich gesinnten Menschen. Sie verweisen auf die DDR und darauf, dass Verbote noch nie etwas genützt hätten. Die DDR wollte mit ihrer 70:30-Regelung ein Überhandnehmen der weitgehend englischsprachigen Musik des „Klassenfeindes“ verhindern durch Verbieten, das betraf aber genauso deutschsprachige Musik aus der „BRD“ und Österreich. Wir müssen heute das Eigene schützen wie eine seltene Pflanze. Die kreativen Zeiten, in denen Ostrockmusik mit Texten, die zum eigenen Denken anregten, en masse produziert wurde, sind vorbei. Die Radio-Marktschreier von heute, die sich vor Begeisterung fast nicht mehr einkriegen können, wenn sie die „besten Achtziger“ ankündigen, spielen nur englisch-amerikanische Meterware. Das Eigene ignorieren sie. Das ginge ja noch an, wenn sie als Privatsender spezielle Interessen bedienen würden. Aber die ganze Radiomusiklandschaft sieht in Deutschland so aus. Das ist eine Einheitskultur, die die Uniformiertheit früherer Zeiten zum Teil überbietet. Der öffentliche Musikmarkt, den manche unbedingt nicht reglementieren wollen, ist schon längst reglementiert, freiwillig kulturobrigkeitsgläubig und damit umso wirksamer. Die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland sind daran genauso beteiligt wie die privaten.

Den Privaten wollen wir nichts vorschreiben. Aber der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der ja neuerdings durch Zwangsgebühren finanziert wird, die auch der entrichten muß, der ihn gar nicht nutzt, dieser Rundfunk ist eben deshalb auch in der Pflicht, jedem Geschmack etwas zu bieten, auch dem, der lieber deutsch hört. Deshalb sollen die parlamentarischen Vertreter in den Rundfunkräten darauf hinwirken, dass wieder mehr deutsche Lieder gespielt werden. Wir müssen kulturellen – und damit wesentlich auch sprachlichen – Konturen des Eigenen bewahren, denn wie soll sonst eine Beziehung zum anderen möglich sein, wenn wir selbst schon – zumindest sprachlich – weitgehend zum Anderen wurden? Wie soll ein interkultureller Austausch stattfinden, ein gegenseitiges Lernen voneinander, wenn alle sowieso nur eine einzige Monokultur vertreten, einen einzigen „Weg des Lebens“, der anderen erst über die musiksprachlich konsequent vereinheitlichten Medien und dann zur Not mit Waffengewalt aufgezwungen wird? Auch vermeintlich kulturalternative Sender wie Radio „Mephisto“ oder „Figaro“ des MDR verbreiten und vertreten mit der größten Selbstverständlichkeit die absolute Dominanz englischsprachiger Musik in Deutschland. Wenn Sie sich im Internet ihre Spiellisten ansehen, die bei ihnen natürlich unbedingt „Playlists“ heißen müssen, damit die alten Generationen, die dieses Land aufbauten und erst die wirtschaftlichen Grundlagen dafür legten, dass diese Sender heute überhaupt existieren können, auch ja keine Chance haben, zu verstehen, was gemeint ist.

Natürlich gehört auch fremdsprachige Musik auf deutsche Radiosender. Wir brauchen viel mehr französisch-, russisch- und spanischsprachige Musik. Und auch die ungarische Musik, die ich mit ihrer dynamischen Schwermütigkeit besonders liebe, und die der anderen europäischen Länder haben etwas zu bieten, so wie jeder Mensch und jede Kultur seine/ihre besonderen Stärken und Begabungen haben. Die Sender sollen endlich dem eigenen Volk „aufs Maul“ zu schauen und Talente fördern. Und die gibt es genug.
Ich persönlich mag auch chinesische, arabische und türkische Musik. Was ist anstatt dessen bei uns zu hören? Eine totale englisch-amerikanische Musikmonokultur. An dieser Stelle sollte sich die „Alternative für Deutschland“ einmal für eine wirkliche Multikultur einsetzen. Lasst uns unseren Kindern mal wirklich internationale Kost anbieten, sie wird ihnen schmecken und lasst uns bedenken, dass die Liebe des Eigenen immer die Voraussetzung dafür ist, Fremdes achten und wertschätzen zu können.

In diesem Land wird viel über „Diskriminierung“ geredet. Kaum einer aus der politischen Klasse denkt dabei an die Alten des eigenen Volkes. Sie haben dieses Land erst geschaffen und immer mehr Probleme, sich im Anglizismen-Wirrwarr zurecht zu finden. Sie brauchen einen politischen Beschützer; dieser sollte die „Alternative für Deutschland“ sein. Wir brauchen auch eine interne „Willkommen-Bleiben-Kultur“ für die Alten, nicht nur eine Willkommenskultur für „die Neuen“.

März 2014