Ich gebe es ja zu: Ich bin ein Schwärmer, und zwar für die Familie in einer zunehmend kälter werdenden Welt gepflegter Einsamkeiten. Die größtmögliche Familie ist für mich die Nation. In ihr ist die familiäre Liebe so weit aufgespannt, wie das nur möglich ist: Ich kenne die wenigsten der 81 Millionen „Familienmitglieder“ und doch eint uns eine Sprache, Kultur und Mentalität.

Das ganze Universum und die ganze Welt kann ich nur platonisch und abstrakt lieben. Und auch Europa ist für meine konkrete und praktische Liebe noch zu groß, denn mein Leben ist endlich und begrenzt. Leipzig ist mein Zuhause und Deutschland. Es ist das letzte Beziehungsnetz, das mir Halt gibt, wenn ich aus den engeren familiären Beziehungen und Bindungen herausfalle. Freiheit ohne Vertrautheit und Zusammengehörigkeitsgefühl nutzt gar nichts; das beweist das tragische Schicksal vieler Emigranten, die zwar dem Naziregime entkamen, dann aber ohne ihr geliebtes Deutsch(land) den Lebensmut verloren.

Ich fürchte, wir werden den familiären und nationalen Rückhalt bald mehr denn je brauchen. Im Katastrophenfall kommen die Feuerwehr und auch das technische Hilfswerk nicht aus Brüssel. Und wenn eine Armee wirksam helfen kann, dann ist es die eigene. So ein Zusammenhalt, der entsprechend unseres Nationalcharakters auch noch effektiv funktioniert, erweckt natürlich Misstrauen und Neid. Aber es ist doch ganz natürlich und selbstverständlich, dass sich ein Vater im Falle der Not zuerst um seine eigene Familie, seine eigenen Kinder kümmert. Das ist kein Akt der Missachtung anderer. Im Gegenteil, es ist Menschennatur, denn der Vater kann nur dann wirklich freundlich und wohlwollend zu den anderen im Haus oder im Ort sein, wenn er sich zunächst seiner eigenen Familie zugewandt hatte und getan hat für sie, was er konnte.

Das versteht die politische Klasse in Deutschland nicht. Dabei ist es so natürlich, so selbstverständlich, das Eigene zuerst zu lieben. Wenn das jeder auf der Welt so machen würde, Verantwortung zuerst für das Eigene zu übernehmen und es zu hegen und zu pflegen, um auf dieser Grundlage dann Freundschaften zu anderen einzugehen, gäbe es keine Probleme zwischen den Familien aller Art, bis hin zu den Völkern.

In Deutschland ist die Lage diesbezüglich von grundauf verdreht. Zur Zeit springt mir das an der Art ins Auge, wie die, die etwas Besseres sein wollen in unserer Gesellschaft und uns repräsentieren, die nun schon seit Jahren schwelende Finanzkrise in den Griff kriegen wollen. Ich bin kein Ökonom, aber Geld ist die Grundlage aller Existenz in einer Marktwirtschaft, deshalb berührt mich das sehr. Diese Finanzkrise gibt es in diesem Ausmaß nach meiner Überzeugung nur, weil es in der stärksten Volkswirtschaft Europas dieses – typisch deutsche, schon von Bismarck beklagte – „scheinedle“ Denken gibt, das besagt, es sei ehrenwerter, das Fremde zu lieben als das Eigene.

Mit der DM in Europa als faktischer Leitwährung, die sie schon zum Zeitpunkt ihrer Abschaffung war, gäbe es immer noch Vertrauen in die Währungen Europas, weil die DM als Anker alle anderen stabilisiert hatte. Das war unerträglich für die alten Kontrahenten Deutschlands. Leider hatten sie nicht die Größe, diese Realität auch für ein wiedervereinigtes Deutschland zu akzeptieren. Stattdessen musste unbedingt der Euro her. Dieses ideologische Wunschdenken ist die Wurzel der Finanzkrisen, die unser aller Wohlstand heute existentiell gefährden. Das ist den wenigsten Deutschen klar: Mit dem fortgesetzten Vertrauen auf und in das Eigene, mit der DM wäre das nicht passiert. Und das wäre gut gewesen für alle. Weil aber die deutschen Eliten glaubten, die Auflösung der DM im Säurebad des Euro als Friedenspreis zahlen zu müssen und doch andererseits vorläufig noch nicht aus ihrer deutschen Haut heraus können, müssen sie sich gegenüber den Südeuropäern als Lehr- und Zuchtmeister aufspielen, um für den Euro wenigstens einen Rest der alten DM-Stabilität zu retten. Früher brauchte es dafür keine ideologisch-konsequente Erziehung durch englisch sprechende deutsche Zuchtmeister, das ging von ganz allein mit der Auf- und Abwertung der nationalen Währungen. Einem solchen ökonomischen Naturgesetz konnte sich auch die stolzeste Nation fügen, nicht aber einem Streber und politisch korrektem Oberlehrer unter den Nationen, der sich über die anderen stellt, und ihnen vorschreibt, wie sie zu wirtschaften haben.

Die moralinsaure deutsche Zuchtmeisterei kann jedenfalls nur nach hinten losgehen. Sie verstärkt nicht das freundliche Miteinander in Europa, sondern lässt alte, längst vergessen geglaubte Ressentiments wieder auferstehen. Das ist ein Witz der Geschichte: Deutschland wird so gehasst wie nie seit dem 2. Weltkrieg und das, obwohl es mit weitem Abstand am meisten Geld für die bezahlt, die es hassen. Es ist ein Witz, und ich verstehe ihn: Wer lässt sich denn schon gern den Lebensstil seines reichen Onkels aufzwingen? Und wenn dieser Onkel sich dann jedes Mal austricksen lässt, würde ich ihn noch mehr verachten, aber sein Geld natürlich weiter nehmen, solange er so dumm ist, es zu bezahlen, weil er sich einbildet, dass seine Moralpredigt diesmal aber nun wirklich fruchten wird. Das funktioniert ja nicht einmal bei pubertierenden Söhnen und Töchtern, geschweige denn bei stolzen Nationen. Wie blöd muss man sein, von wie viel ideologischem Wunschdenken und arroganter Selbstüberschätzung der eigenen volkspädagogischen Fähigkeiten besessen sein, um das immer wieder zu glauben? Dreiviertel aller Griechen meint laut seriöser, in der ARD-Sendung „Hart aber fair“ zitierter Umfragen im Ernst, dass der Euro den Nazis in Deutschland als Instrument dient, ein 4. Reich zu errichten. Man kann eben keinen zu seinem Glück zwingen, das hatte schon die DDR vergebens mit ihren Bürgern versucht. Nationale Mentalitäten lassen sich nicht umerziehen, es wäre auch schade, wenn alle plötzlich gleich strebsam und sparsam wie die Deutschen würden.

Es ist doch sonst immer die Rede von der bunten Vielfalt. Lasst doch in Europa die Vielfalt der Mentalitäten und Nationalcharaktere bestehen – mit der jeweils passenden Währung. Lasst doch jeden stolz sein eigenes Leben führen, in eigener Verantwortung, also auch auf eigene Kosten. Keiner soll für den anderen bezahlen, denn beim Geld hört bekanntlich die Freundschaft auf. Die Euro-Einheitspartei in Deutschland mit ihren Unterabteilungen CDU, SPD, FDP und den Grünen setzt ideologisches Wunschdenken dagegen nach der Devise: „Dass nicht sein kann, was nicht sein darf.“ Angeblich brauchen wir den Euro, weil Deutschland viel zu klein sei, um sich allein mit eigener Währung in der globalisierten Welt zu behaupten. Das ist ideologischer Unsinn: Immerhin 9 Länder der 28 in der EU haben ihre eigene Währung und fahren gut damit. Ganz abgesehen von der Schweiz mit ihrem Franken, die sich allein gegen den ungeheuren Aufwertungsdruck behaupten kann, dem ihre Währung durch die Schwäche des Euro ausgesetzt ist. Und keines dieser Länder kann sich von der Wirtschaftskraft her mit Deutschland vergleichen, das als viertstärkste Nation diesbezüglich im Viertelfinale der Welt – nicht nur Europas – steht. Der Euro ist im Vergleich zu den nationalen Währungen dieser EU-Länder noch viel mehr gefallen als im Vergleich zu dem ebenfalls total überschuldeten Dollar.

Das zeigt doch deutlich, dass es sich mit der eigenen Währung besser wirtschaften lässt. Und wenn in der Welt eine Alternative zum Dollar gesucht wird, dann würde eine andere nationale Währung allein, an die sich stillschweigend andere Währungen koppeln, so wie das früher bei der DM der Fall war, diese Rolle besser erfüllen als ein künstliches Konglomerat von Währungen, das nur aufgrund nationaler Empfindlichkeiten gebildet wurde, obwohl diese Währungen nicht zusammen passen und gehören.

Es gibt für das menschliche Lebensgefühl aber kaum etwas Schlechteres und Deprimierendes als keine Wahl zu haben. Aber wir haben eine Wahl! Die Menschen brauchen „nur“ den Lebensmut, das zu glauben, und dieser wächst aus Selbstbewusstsein, aus der Besinnung auf die eigenen Stärken und Möglichkeiten. Um diese Stimmung, um diesen Optimismus, um dieses Lebensvertrauen geht es: Menschen und Nationen dürfen und sollen tun, was für sie selbst gut ist! Das nutzt dann auch den anderen. Dass Deutschland meiner Meinung nach aus dem Euro austreten muss, ist nur ein Beispiel dafür, aber ein wichtiges. Angeblich wäre das viel zu teuer. Das haben uns die Euro-Anbeter schon vor zwei Jahren gesagt. Jetzt ist es in der Tat entschieden teurer, aber ein Ende mit Schrecken ist immer noch viel besser als ein Schrecken ohne Ende.

Es ist erstaunlich, wie es den in Deutschland herrschenden politischen Kräften bisher gelingt, die große Mehrheit der normalen Bürger durch „Brot und Spiele“ und solche – in meinen Augen – lächerlichen Konsumoberflächlichkeiten, wie dass sie sich den Währungsumtausch im Ausland ersparen können, von einer euro-bedingten deutlichen Schmälerung des eigenen Wohlstandes abzulenken. Ich bin, wie gesagt, kein Ökonom. Aber mir scheint von der Vielzahl sich widersprechender volkswirtschaftlicher Meinungen die von Hans-Olaf Henkel („Rettet unser Geld!“) und Hans- Werner Sinn am logischsten. Beide weisen z.B. darauf hin, dass Deutschland mit seiner DM mehr in die heutigen Euro-Länder exportiert hatte als heute mit dem Euro.

Die Frage, die mich bewegt, lautet: Wie können wir den deutschen Bürgern, die unausgelatschten, die anderen, die neuen Wege zeigen, die aus der Enge des alten politischen Denkens, das immer noch durch den 2. Weltkrieg geprägt ist, herausführen. Nichts ist ewig auf der Welt, schon gar nicht eine europäische Nachkriegsordnung, die aus Misstrauen entstand und auf Neid beruht und deren Hauptzweck es ist, ein Deutschland zu binden und zu bannen, das wirtschaftlich einfach nicht klein zu kriegen ist, das immer wieder aufsteigt zur führenden Volkswirtschaft in Europa trotz zweier verlorener Weltkriege, das aufgrund der Tüchtigkeit seiner Bürger nicht aufhören kann, massenhaft Exportüberschüsse zu erwirtschaften. Einerseits seien wir ein „Nichts“, wird uns gepredigt, und bräuchten unbedingt die europäische Integration, um in der Welt wenigstens noch ein bisschen Gewicht zu behalten, andererseits sei der Hauptzweck der EU, den „deutschen Riesen“ zu bannen und zu binden, wie das z.B. der Präsident des Europäischen Parlaments Martin Schulz feststellte. Was denn nun? Sowieso zu klein, um noch etwas ausrichten zu können, oder wirtschaftlich zu stark, um uneingebunden bleiben zu dürfen?

Wir alle müssen neu denken, nicht etwa nur fiskalisch, sondern grundlegend politisch. Wir müssen und wollen kreativ sein. Kreativität bedeutet das Aufbrechen starrer Denkmuster. „Wir brechen auf“ im doppelten Sinn dieses Wortes, und wir befreien uns aus den alten Denkgewohnheiten der Kriegs- und Flakhelfergenerationen. Vielleicht waren diese Denkselbstverständlichkeiten zu einem bestimmten Zeitpunkt unvermeidlich. Schließlich war dieser Krieg die größte Katastrophe der bisherigen Geschichte. Die Menschen waren geschockt und von Todesangst geprägt, sie wollten sich diesmal an die richtigen Anführer halten, die USA und die Sowjetunion. Aber jetzt sind wir doch nicht mehr traumatisiert. Jetzt können wir doch klar, offen und frei denken. Damals konnten die westdeutschen Eliten Stalins Angebot deutscher Neutralität nicht ernsthaft prüfen. Sie wollten es auch nicht, sie steckten nämlich schon in der Denkschablone fest, dass Deutschland nie wieder eine eigenständige Rolle in der Weltgeschichte spielen dürfe.

Auf diese Weise hat die westdeutsche Regierung in den 70ziger Jahren z.B. auch verhindert, dass Deutsch zur sechsten Arbeits- und Amtssprache der UNO aufrückte, obwohl die DDR und Österreich dafür waren und sich auf jeden Fall eine Mehrheit in der Vollversammlung gefunden hätte. Inzwischen kann unsere politische Klasse überhaupt nicht mehr anders: Sie gibt nicht eher Ruhe, als bis sie alles, was Deutschlands Stärke und Kraft ausmacht, in Europa abgegeben hat (wie Sarrazin das so treffend sagt).

Ich bin für ein starkes, freies, neutrales Deutschland in der Mitte Europas. Wir zwingen keinem etwas auf, aber wir können uns auch nicht verbieten lassen, was für uns selbst gut ist. Jeder der etablierten Politiker in Deutschland wird sagen: Das geht doch gar nicht. Schon wieder eine angebliche Alternativlosigkeit. Die Westbindung sei angeblich die größte Lehre aus den zwei Weltkriegen. Ich finde: Deutschland sollte frei sein wie die Schweiz. Hitler hat seine Verbrechen jedenfalls nicht verübt, weil er sich zu sehr an Deutschland gebunden fühlte, sondern weil er dem Wahn eines weltweiten Kampfes der Rassen verfallen war.

Ich weiß, wer liebt, für den ist alles möglich. Und Patrioten lieben ihr Vaterland und ihre Muttersprache. Sie lieben ihr Land nicht gegen andere Länder, sondern – auch – für sie. Deutschland kann nämlich Europa und der Welt viel mehr geben als eigenständige National-, Mentalitäts- und Kultur“persönlichkeit“. Patriotismus eint die Nationen im respektvoll-freundschaftlichen Miteinander, Nationalismus trennt sie in Feindschaft. Ich träume von einer eigenständigen, selbstbewussten und offenen deutschen Kultur in der Mitte Europas. Sie ist ernsthaft gefährdet, schon ganz trivial im Alltag. Und das ist sogar wichtiger als das, was sich in den Opernhäusern oder Theatern abspielt.

Ein kleines Experiment: Stellen Sie ein Radio an und gehen Sie alle der hier gut empfangbaren Sender durch. Bei meinen Proben, die ich durchführe, sind mindestens 90 Prozent der musikalischen Darbietungen dieser Sender, einschließlich Deutschlandradio bzw. -funk und Klassikradio, englischsprachig. Wo leben wir denn? Offenbar in einer amerikanisierten Kultur! Dies finden Sie, liebe Leser, in keinem anderen europäischen Land so ausgeprägt wie in Deutschland und leider auch in Österreich. Wenn sich immer mehr Deutsche englisch äußern (so wie z.B. gerade erst die deutsche Verteidigungsministerin auf der Münchener Sicherheitskonferenz), ist das auch sehr praktisch für die NSA, die beim Abhören nun nicht mehr extra übersetzen muss. Wenn ich in Berlin bin, höre ich gern einen russischen, französischen oder türkischen Sender. Es ist wohltuend, endlich einmal nicht so von englischsprachiger Musik dominiert zu werden. Die Türken („Radio Metropol“) spielen allerdings nur, zu 100 Prozent türkischsprachige Musik. Das finde ich auch übertrieben, da der Sender nun einmal in Berlin steht, sollte die Musik auch mal deutschsprachig sein.

Deutsch-Land schafft sich ab, ganz offenkundig, und wird zu Englisch-Land. Das schleicht sich auf ganz gewöhnliche, alltägliche Weise, Tag für Tag, Jahr für Jahr ein. Ich bin kein Feind der USA, ich bin ein Feind deutscher Kriecher. Mir ist z.B. aufgefallen, dass der große US-amerikanische Konzern McDonald der einzige war, der bei der Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine der geschundenen, verachteten und verdrängten deutschen Sprache ein Podium gegeben hat: „Ich liebe es“ im Wechsel zwar mit „I’m lovin’ it“, aber immerhin. (Im Viertelfinale hatte ich dann allerdings nur noch die englische Version gelesen. Wahrscheinlich hat die Bundeskanzlerin, die so gern salbungsvoll deutsches Geld unter englischen Sprachwappen verteilt, bei McDonalds gegen seine Deutschtümelei protestiert. Sie ist ja auch diejenige, die sich im Gegensatz zu ihrer Bundestagsfraktion vehement dagegen sträubt, dass Deutsch als die Sprache der Bundesrepublik Deutschland im Grundgesetz festgeschrieben wird. Wahrscheinlich weiß sie, wohin die Entwicklung geht.) Kein einziger deutscher Konzern, deren Vorstände sich in ihrer Mehrheit auf Englisch verständigen, hat sich dort sprachlich zu der Nation bekannt, aus der er kommt.

Wir bräuchten heute dringend wieder einen Martin Luther, denn die Abkehr der Herrschenden vom gewöhnlichen Volk ist heute nach meinen Eindrücken mit Englisch größer, als sie es damals mit Latein war. An der EU muss sich viel ändern. Zu dem Wichtigsten gehört, dass Deutsch im praktischen und realen Gebrauch endlich mit Englisch und Französisch gleichgestellt wird. Wolf Schneider weist in seinem Buch „Speak German! Warum Deutsch manchmal besser ist“ darauf hin, dass es aber nicht primär die Vertreter anderer Nationen sind, die das unterlaufen, sondern vor allem die Deutschen selbst, die in den Gremien partout eine andere Sprache gebrauchen wollen, als sie die Menschen sprechen, die sie angeblich in Brüssel und Straßburg vertreten. Ungefähr doppelt so viele EU-Bürger sprechen – noch! – Deutsch als Muttersprache wie dies für Englisch und Französisch zutrifft und noch ist Deutsch die in der EU am zweithäufigsten gelernte Fremdsprache. Das ist bestimmt nicht mehr lange so, wenn das, was wirklich wichtig ist in der Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, von verantwortlichen Deutschen selbst immer mehr auf Englisch gesagt wird. Wozu dann noch Deutsch lernen? Das werden sich bald dann sogar die Inländer selbst fragen. Viele schicken ihre Kinder ja heute schon auf Internationale Schulen. Der regionale Dialekt wird zu Hause gesprochen und von dort geht’s im großen Sprung gleich zu Englisch. Hochdeutsch verliert mehr und mehr an Bedeutung. Exemplarisch ist das auch in der Schweiz zu beobachten. Wenn hierzulande seltene Tiere den Autobahnbau verhindern können, sollten die Vertreter unserer Eliten dann nicht auch etwas gegen die Gefährdung des Hochdeutschen als verbindendem Element der Nation unternehmen?

Sprache hat viel mit Macht und Ansehen zu tun. Viele Bürger spüren intuitiv die Abschaffung Deutschlands gerade auf diesem Feld. Es bekümmert sie persönlich, dass z.B. kein einziger deutscher Autokonzern mehr willens ist, deutsche Worte für technische Neuerungen oder die Farben seiner Autos zu nutzen. Die „Motion“ muss unbedingt „blue“ sein, als ob in der Welt „blau“ nicht genauso verstanden würde, dann aber mit der Würze des selbstbewusst Eigenen.

Freundschaft ist wichtig, auch zwischen den Nationen in ganz Europa und der Welt. Aber wirkliche Freunde wollen sich nicht vereinnahmen, und sie wollen sich auch nicht selbst oder gegenseitig abschaffen bzw. bis zur Unkenntlichkeit in bürokratischen „Vereinen“ („Vereinigte Staaten von Europa“) auflösen. Eine eigenständige, selbstbewusste und offene deutsche Kultur in der Mitte Europas würde Europa und der Welt neue Impulse geben, neue Möglichkeiten eröffnen. Das erstarrte System Merkelscher Alternativlosigkeiten würde sich öffnen, die weltpolitischen Karten würden neu gemischt, diesmal aber auf eine freundliche und respektvolle Weise, ohne dass Deutschland die geringsten expansiven Ansprüche gegenüber anderen Nationen und Völkern stellen würde.

Der Krieg, sowohl der heiße als auch der kalte, ist längst zu Ende. Das unterteilende Denken zwischen Sieger- und Verlierernationen ist überholt. Wladimir Putin hat ganz recht, die Welt ist nicht monopolar, sondern multipolar. Es gibt nicht nur eine führende Weltkultur, die amerikanische, sondern viele, und die deutsche Kultur ist auch eine Weltkultur, ebenso wie Deutsch auch eine Weltsprache ist. (Wolf Schneider, dem ich ganz zustimme, begründet dies.) Leider glauben die Deutschen selbst am wenigsten daran. Und das ist ein wirkliches Trauerspiel, weil Menschen und Nationen, die nicht an sich glauben, immer weit unter ihren Möglichkeiten bleiben müssen, auch zum Schaden der anderen.

Wenn bedeutende deutsche Persönlichkeiten, in Ehren ergraute Männer wie Helmut Schmidt als ehemaliger Oberleutnant der Wehrmacht oder Jürgen Habermas als ehemaliger Flakhelfer heute immer noch glauben, Deutschland dürfe aus friedenspolitischen Gründen nie mehr eine eigene Rolle spielen und müsse anstatt dessen fortwährend für andere draufzahlen, dann denke ich, dass sie als Kriegsbeteiligte Furchtbares erlebt haben müssen oder auch, unabhängig von persönlicher Schuld, als Wehrmachtsangehörige ein schlechtes Gewissen haben. Letzteres ehrt sie als individuelle Persönlichkeiten, kann doch aber kein Grund sein, die Generationen ihrer Enkel und Urenkel sozusagen in eine ewige historische Sippenhaft zu nehmen.

Ich setze große Hoffnungen auf junge deutsche Staatsbürger, die Deutschland als Vaterland lieben gelernt haben, obwohl oder vielleicht gerade, weil sie nicht immer Deutsche waren. Ich denke z.B. an den jungen Afrikaner Oliver Harris. Er singt, an junge Türken und Araber gewandt: “… Wieso wohnst du in diesem Land über zehn Jahre und sprichst trotzdem nicht die deutsche Sprache?” … “Du sagst: Deutsche sind Scheiße, deutsche Frauen sind Dreck. Tu Deutschland bitte einen Gefallen und zieh’ weg! Dieses Land braucht keine Menschen, die hier nicht sein wollen. … Du hast Glück, bist jetzt hier, also benimm dich! – Wenn du nicht weißt, wo der Flughafen ist, ich bring dich! … Manche wissen nicht, wie gut sie es hier haben. Ich denke, da wo du herkommst, hast du gar nichts zu sagen. Schäm’ dich, über Deutschland so schlecht zu reden, es ist schön in Deutschland zu leben!” Und natürlich gibt es auch Türken und Araber, die Deutschland wertschätzen und die es als Nation lieben gelernt haben. Das ist ihr neues, gutes Vaterland, auf das wenige jetzt schon stolz sind und auf das viele stolz wären, wenn es nur mutig und selbstbewusst seine eigene „Persönlichkeit“ vertreten würde.

Ich persönlich denke sogar, dass der Islam inzwischen zu Deutschland gehört und nicht nur die Menschen, die an ihn glauben. Das lässt sich nämlich nicht voneinander trennen. Ich glaube an Deutschland als eine pluralistische Gesellschaft, in der sich jeder Einzelne mit seinen Besonderheiten entfalten kann. In diesem Sinne ist Deutschland auch eine multikulturelle Gesellschaft, aber nur so weit, wie sie durch das gemeinsame Band einer deutschen Leitkultur zusammengehalten wird. Zur deutschen Leitkultur gehören die Werte der westlichen Demokratie in den „deutschen Farben“, das heißt ausgedrückt in deutscher Mentalität, Kultur und Lebensweise. Ein deutscher Patriot muss sie keinesfalls vollständig praktisch leben, außer – letztendlich und auf die Dauer gesehen – den Gebrauch der deutschen Sprache. Es reicht, wenn er wichtige Hauptlinien dieser Mentalität mag und ehrt, so wie Hermann Hesse z.B., der für die Ordentlichkeit eines gebohnerten schwäbischen Hauses schwärmte, ohne selbst in der Lage gewesen zu sein, sie herzustellen. Ich mag sowohl die preußische (mittel-, nord – und ostdeutsche) Wesensart als auch bayerisch-österreichische. Sie wird durch eine Sprache, das Hochdeutsche, und damit auch eine grundsätzliche Art des Denkens zusammengehalten. Wahrscheinlich gehören auch Gemütlichkeit, Gründlichkeit und Pflichtbewusstsein zu dem, was beides zusammenhält. Wenn Deutschland stark ist, kann es auch den Islam unter seine Fittiche nehmen, gleichberechtigt mit den anderen Religionen, genauso wie das schon Friedrich der II. gesagt und getan hatte: Jeder soll in Preußen bzw. Deutschland nach seiner eigenen Facon glücklich werden, so lange er den deutschen Staat als die oberste Instanz akzeptiert und deutsche Sitten und Mentalität respektiert.

In jedem Fall frage ich mich: Warum sollen junge Menschen wie Oliver Harris, inzwischen deutsche Staatsbürger, deren Vorfahren und Familien nun wirklich nichts mit deutschen Expansionsdrang zu tun haben, heute immer noch für das büßen, was lange, bevor sie geboren wurden, im deutschen Namen angerichtet wurde? Das ist die einzige Hinsicht – Schuld, Scham, Verzagtheit – in der die politische und ideologische Klasse Deutschlands auf nationales Denken setzt, und zwar massiv. Rückwärts gewandt, in Bezug auf Schuld und ewige Reparationsleistungen sollen wir unbedingt „rein“ deutsch bleiben, alle, die deutschen Ureinwohner ebenso wie die zugewanderten neuen Staatsbürger. Vorwärts gewandt, in Bezug auf unsere eigenen Lebenschancen sollen wir aber gar nicht deutsch sein, sondern partout Europäer, die alle nationalen Ansprüche abstreifen und das, was sie sich mit ihrer Tüchtigkeit erarbeitet haben, mit allen anderen teilen. Was denn nun, wäre wieder einmal zu fragen. Beides passt jedenfalls nicht zusammen.

Nationen sind die größtmögliche Form einer Gemeinschaft, in der Menschen konkret Verantwortung füreinander übernehmen können, weil sie sich noch verstehen, weil sie sich hinsichtlich grundlegender Wesensarten noch (wiederer)kennen. Dass ihre Vergemeinschaftung zu politisch-bürokratischen Wunschgebilden, die kein roter Faden einer Kultur und Mentalität einigt und in denen sich Mancher und Manches gut „ganz weit hinten“ verstecken lässt, entschieden mehr Nachteile als Vorteile bringt, ist mir als ehemaligen DDR-Bürger klar. Zu gut erinnere ich mich noch an die Argumente, dass die Vereinigung überschaubarer Betriebe zu VEB’s, LPG’s und PGH’s im Sinne des Fortschritts angeblich unvermeidlich sei. In Wirklichkeit war es der Anfang vom Ende der DDR: Die Produktivität sank, wo es vorher schon gute Fortschritte gab. Das Politbüro hatte damals ähnlich argumentiert, wie unsere Zeitgeist-Hauptstrom-Vertreter das heute tun: Ihr müsst euch zusammentun, sonst könnt ihr im weltweiten Wettbewerb nicht bestehen. Mit dieser Ideologie im Ohr hatten sich z.B. auch Daimler und Crysler vereinigt. Die Scheidung war teuer, aber jetzt geht es Mercedes-Benz wieder richtig gut. Etwas Anderes ist es, wenn sich VW und Porsche zusammentun. Das sind zwei deutsche Konzerne, die eine Mentalität einigt, da kann das durchaus sinnvoll sein.

Es ist Zeit, neu zu denken, neu zu leben und neu zu lieben, und den Deutschen, die gelähmt, erstarrt und deprimiert in den angeblichen Alternativlosigkeiten von Frau Merkel und Konsorten festhängen, die frohe Botschaft mitzuteilen: Wir können freundlich und selbstbewusst wieder wir selbst sein und es vielleicht zum ersten Mal richtig werden. Und – das kann gar nicht oft genug gesagt werden: Von einem starken Deutschland in der Mitte Europas profitieren auch unsere Nachbarn viel mehr als wenn sich die europäischen Nationen nur aus Misstrauen, aus einer heute völlig unbegründeten imaginären, rückwärtsgewandten Angst vor „den Deutschen“ auflösen in einem bürokratischen Monster namens EU, in dem die Kommissare nach Sowjetart herrschen.

Da sind schon – hoffentlich – die stolzen Franzosen, Polen und andere davor. Einerseits. Aber anderseits ist ein maßgeblich deutsch finanzierter Euro, der nicht mehr der Deutschen Bundesbank, sondern der EZB unterliegt, in der die Deutschen nichts mehr zu sagen haben, ihnen natürlich auch nicht ganz unlieb. Wer verfügt nicht gern mit über fremdes Geld, wenn es ihm förmlich aufgedrängt wird? Also müssen wir Deutschen selbst auch unseren Beitrag dafür leisten, die EU-Administration im Zaum zu halten.

Ralf Hickethier, Februar 2014